Was ist Islamismus?

Spätestens seit dem 11. September 2001 mit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York ist der Begriff in aller Munde und er wird für alle möglichen Gruppierungen wie „Al Quida“, „ISIS“, „ISI“, „IS“, „Boko Haram“, und diverse andere kleine Gruppen aus dem Nahen Osten, arabischen Ländern und anderen muslimisch geprägten Ländern in Verbindung gebracht. Hier möchte ich versuchen anhand von Fachliteratur diesen Begriff mit seinen Erscheinungsformen einzugrenzen und zu erklären. Eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs Islamismus gibt es nicht. Verwendet wird er unter anderem in den Massenmedien, in von Nichtwissenschaftlern verfassten Sachbüchern und in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, und in all diesen Bereichen unterliegt die Verwendung des Begriffes eigenen Interessen und Zwängen. Darüber hinaus entscheidet oft die Weltanschauung darüber, was man aus welchen Gründen als Islamismus bezeichnet. Und schließlich ist das Phänomen, um das es geht, inzwischen gut achtzig Jahre alt und hat sich in dieser Zeit beträchtlich verändert und differenziert.

Der Begriff „Islamismus“ hat sich in den einschlägigen wissenschaftlichen Disziplinen, in den Medien sowie im politischen Sprachgebrauch in den späten 1990er Jahren weitgehend gegen andere Begriffe, in Deutschland vor allem „islamistischer Fundamentalismus“ durchgesetzt, aber es gibt auch gute inhaltliche Gründe für den Wechsel der Bezeichnung. Über die sachlichen Probleme hinaus war die Diskussion dadurch belastet, dass „der Islam“ wegen der politischen Begebenheiten und stark wachsender Zahlen von muslimischen Migranten im Westen zu einer Weltanschauungsfrage geworden war. Bezeichnungen können in einem solchen Umfeld zum Transport innenpolitischer Interessen dienen, was mit dem (idealerweise) sachbezogenen Interesse der akademischen Disziplinen kollidiert.

Islamwissenschaftler haben seit der Mitte der 1980er Jahre die mitschwingenden negativen Wertungen von „islamischer Fundamentalismus“ kritisiert, mehr aber noch die halbwegs wertneutrale Assoziation von „Buchstabengläubigkeit“, die dem Begriff anhaftet. Geprägt wurde das Wort „Fundamentalismus“ für die Einstellung konservativer protestantischer Kreise in den USA nach dem Ersten Weltkrieg, die sich für eine Orientierung strikt am Wortlaut der Bibel aussprachen, nicht zuletzt in Bezug auf die Schöpfungsgeschichte. Zur Anwendung des Wortes auf die schiitischen Geistlichen Irans beispielsweise wurde von der Islamwissenschaft mit Recht gesagt, dass diese mit ihrer Lehre von der freien Rechtsfindung geradezu Anti-Fundamentalisten seien. Auch ein radikaler Vordenker wie Sayyid Qutb klebt in seinem Korankommentar „Im Schatten des Korans“ ganz und gar nicht am Buchstabensinn des Grundtextes, sondern wählt erkennbar aus. Ebenso richtig wurde argumentiert, dass mit „Fundamentalismus“ eigentlich nur die radikalen Strömungen bezeichnet werden könnten und somit nur ein Teil des Spektrums erfasst werde.

Zur Verteidigung des Wortes muss gesagt werden, dass es Züge des Islamismus beleuchtet, die ähnlicher Form nach dem Ende der bipolaren kapitalistisch-kommunistischen Welt auch in anderen Religionen wiederentdeckt wurden. In den 1990er Jahren sah man „fundamentalistische“ Strömungen in Judentum, Christentum und Hinduismus, die mit denen des Islamismus Ähnlichkeiten aufzuweisen schienen, überzeitliche Heilsgewissheit für die Anhänger der eigenen Religion, einen Gut-Böse-Dualismus, manchmal buchstabengläubige Bindung an einen Schriftkanon und totalitäre Visionen in Anlehnung an eine idealisierte Urgesellschaft. Da auch der Eindruck entstand, die fundamentalistischen Tendenzen hätten seit den 1970er Jahren zugenommen, wurden sie als Folge ökonomischen und kulturellen Globalisierung angesehen. Der Denkansatz gipfelte in Apercus wie dem Satz Benjamin Barbers, dass „Jihad der nervöse Kommentar der Moderne zu sich selbst“ sei.

Während es also so aussieht, als ob das Wort „Islamismus“ in den frühen 1980er Jahren in der Luft gelegen hat und irgendwann einfach da war, wissen wir über die Herkunft von „Islamist“ etwas mehr. Seiner französischen Form „islamiste“ liegt die arabische Bezeichnung islami (Plural islamiyum) zugrunde, die sich in den 1970er Jahren für islamisch orientierte politische Aktivitäten herausbildete. Wörtlich bedeutet sie „ein islamischer“, und man kann sie wirklich kaum besser als mit „Islamist“ übersetzen. Auf den ersten Blick unerwartet sind die Reaktionen der Vertreter des Islamismus auf die Begriffe, die auf sie gemünzt wurden. Das hierzulande manchmal als unsachlich empfundene Wort „Fundamentalist“ wurde nach anfänglichen Befremden in Gestalt der Lehnübersetzung „usuli“ (an den Wurzeln orientiert) akzeptiert. Im Gestus freudiger Selbstbezichtigung erklärte man, gerne Fundamentalist sein wollen, wenn dies Treue zu frühislamischen Prinzipien beinhalte. Das Wort „Islamismus“, bei uns wegen seiner Sachlichkeit allgemein geschätzt, stößt bei Islamisten dagegen häufig auf Ablehnung, weil man die eigene Position ja als den einzig richtigen Islam ansieht und nicht als eine bestimmte Strömung.

Literatur:

Behnam T. Said: „Islamischer Staat – IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden“, C.H. Beck Verlag 2014

Tilman Seidensticker: „Islamismus – Geschichte, Vordenker, Organisation“, C.H. Beck Verlag 2014

Johannes Kandel: „Islamismus in Deutschland – Zwischen Panikmache und Naivität“, Herder Verlag 2011