Die Präexistenz der Menschheit

Als Kind würde mir die Lehre von der Präexistenz in meinem Elternhaus und in der Kirche gelehrt, wovon meine Eltern überzeugt waren, und wovon ich bis heute überzeugt bin, da diese Lehre zum Bestandteil meiner Lebensauffassung gehört. Für mich gibt es keinen Zweifel daran, dass es sich sinngemäß so zugetragen hat, wie diese Lehre, einer Sage gleich, uns mitteilt.

Johannes der Offenbarer (Täufer) sah visionär einige Szenen, die sich vor Beginn der menschlichen Geschichte in der Geisterwelt zugetragen hatten. Er sah Streit und Zwist zwischen Loyalität und Rebellion, wo die getreuen Heerscharen durch den Erzengel Michael geführt wurden, während an der Spitze der aufständischen Mächte Satan stand, der auch der Teufel, die Schlange und der Drache genannt wird.

In diesem Streit zwischen den Heerscharen der Geister waren die Kräfte ungleich verteilt; Satan zog nur den dritten Teil aller Kinder Gottes auf seine Seite. Die Mehrheit focht entweder mit Michael oder hielt sich der tatsächlichen Auseinandersetzung fern und konnte somit den Zweck ihres „ersten Standes“ erfüllen. Die Engel aber, die die Streitmacht Satans bildeten, bewahrten ihren himmlischen Stand nicht, und hatten daher die Möglichkeit verwirkt, an den herrlichen Gelegenheiten eines gehobenen Zustandes oder des „zweiten Standes“ teilzunehmen.

Der Sieg gehörte Michael und seinen Engeln, und Satan oder Luzifer, zuvor ein  „Morgenstern“ genannt, wurde aus dem Himmel ausgestoßen. Er ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen (Offenbarung 12:9). Der Prophet Jesaja, dem diese schwerwiegenden Ereignisse schon ungefähr acht Jahrhunderte vor der Zeit geoffenbart wurden, und beklagt dieses als einen Akt des selbstsüchtigen Ehrgeizes seitens Luzifers (Jesaja 14:12-15). Es ist aus den Worten Jesajas klar ersichtlich, dass Luzifer, der schon einen hohen Rang besaß, sich ohne Rücksicht auf die Rechte und Handlungsfreiheit anderer noch weiter zu erhöhen trachtete.

Hier zeigt sich, dass schon lange, ehe der Mensch auf die Erde gebracht wurde – wie lange vorher wissen wir nicht -, Christus und Satan zusammen mit den Heerscharen der Geistkinder Gottes als intelligente Einzelwesen existierten und die Macht und Gelegenheit besaßen, den Weg, den sie beschreiten wollten, und die Führer, denen sie folgen  und gehorchen wollten, selbst zu wählen.

In einer großen Versammlung der Geistintelligenzen wurde des Vaters Plan (Erlösungsplan), wonach seine Kinder zum zweiten Stand vorrücken konnten, vorgelegt und zweifellos erörtert. So wurde nun den Geistern, die das Vorrecht haben sollten, auf der Erde einen Körper anzunehmen, eine Gelegenheit dargeboten, am Erlösungsplan Gott des Vaters teilzuhaben, und aufgrund ihres freien Willens zu ihm zurück zu kehren.

Satans Plan des Zwanges wurde verworfen, denn er sah vor, dass alle mit Sicherheit durch die Zeit der Sterblichkeit gebracht werden sollten, aber ihrer Handlungs- und Entscheidungsfreiheit beraubt und so eingeschränkt, dass sie gezwungen sein würden, das „Richtige“ zu tun, so dass auch nicht eine Seele verloren ginge. Das demütige Anerbieten Jesu, des Erstgeborenen, nämlich Sterblichkeit anzunehmen und unter den Menschen als Vorbild und Lehrer zu leben und die menschliche Entscheidungsfreiheit heilig zu halten, aber die Menschen zu lehren, wie sie dieses göttliche Erbe richtig anwenden sollten, wurde angenommen. Dieser Beschluss führte zum Krieg und schließlich zur Überwältigung Satans und seiner Engel, die ausgestoßen wurden und der unbegrenzten Vorrechte verlustig gingen, die mit dem sterblichen oder zweiten Stand einhergehen würden.

In diesem hehren Rat der Engel und der Götter spielte das Wesen, welches später als Marias Sohn Jesus im Fleisch geboren wurde, eine hervorragende Rolle. Er wurde dort vom Vater zum Erlöser der Menschheit ordiniert. Die Schriften des Alten Testaments enthalten zwar in reichem Maße Verheißungen über das wirkliche Kommen Christi im Fleisch, sind aber über sein vorirdisches Dasein nicht sehr aufschlussreich.

Eine Geschichte die mich bis heute fasziniert und wohl bis in meine letzten Tage begleiten wird. In der Hoffnung vor Gott als würdig befunden zu werden, um letztendlich nach den Strapazen des Erdenlebens wieder bei ihm sein zu dürfen.

(Quelle: James E. Talmage; „Jesus der Christus“, 1980, Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Frankfurt/Main)