Die Klientenzentrierte Gesprächsführung in der sozialen Arbeit

Die Klientenzentrierte Gesprächsführung, die seit den 70er Jahren als Beratungsmethode in die Sozialarbeit übernommen wurde, hat ihren Ursprung in dem Klientenzentrierten Psychotherapieverfahren nach Carl R. Rogers. Dieser amerikanische Psychologe entwickelte ab 1942 ein Therapieverfahren, das von dem Psychologen Reinhard Tausch ab 1956 in Deutschland als „Gesprächspsychotherapie“ verbreitet wurde.

Das Beratungs- und Therapiemodell von Carl R. Rogers wurde im Laufe der Jahre weiterentwickelt und von den unterschiedlichen Fachdisziplinen den spezifischen Erfordernissen angepasst. Aufgrund dieser Veränderungen ist dieses Beratungs- und Therapiemodell in der Fachliteratur unter verschiedenen Begriffen zu finden. So stößt man bei der Literaturrecherche zum Beispiel auf folgende Begriffe: Nicht -Direktive – Beratung, Klientenzentrierte bzw. Klientenbezogene Gesprächstherapie, und personenzentrierte Psychotherapie. Die Klientenzentrierte Psychotherapie wurde unter anderem auch für die Arbeit mit Gruppen nutzbar gemacht, durch Anpassung und Weiterentwicklung.

Carl R. Rogers stellte die These auf, dass eine wirksame Beratung durch eine eindeutig struktuierte und gewährende Beziehung gekennzeichnet ist, welche dem Klienten die Möglichkeit bietet, zu einem Verständnis seines „Selbst“ zu gelangen. Aufgrund dieser gewonnenen Erkenntnis kann er sich neu orientieren und neue konstruktive Schritte aufnehmen. Um solch eine Beziehung zwischen Berater und Klient entstehen zu lassen, sind im Vorfeld hinreichende Bedingungen notwendig. Als Bedingungen definiert Rogers die Verwirklichung von Beratermerkmalen, die da sind: Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte (Empathie), positive Wertschätzung und emotionale Wärme, sowie Echtheit und Selbstkongruenz. 

Ansprüche an das Beraterverhalten

Ausschlaggebend für die Annahme des Beziehungsangebotes von der Seite des Klienten ist vorrangig das Verhalten des Beraters. Deshalb ist es wichtig, dass der Berater sich im Sinne der Klientenzentrierten Gesprächsführung verhält. Sein Verhalten, seine Einstellung, seine Auffassung von seiner Rolle sind Faktoren, die die Beratungssituation beeinflussen. Wie sieht der Berater sein Gegenüber, gesteht der Berater seinem Klienten dem ihm gebührenden Wert zu? Neige ich als Berater dazu den Menschen mit eigenem Wert zu behandeln oder entwerte ich diesen im Stillen für mich mit meiner Einstellung sogar? Achte ich als Berater auf die Befähigung des Klienten und sein Recht auf Selbstlenkung, oder bin ich der Meinung den Klienten momentan besser lenken zu können als er selbst? Bin ich als Berater dazu in der Lage dem Klienten zuzugestehen, dass er seine Wertvorstellungen für sein Leben selbst wählt und kann ich das respektieren?

Nach Rogers muss der Berater bemüht sein, den Beratungsprozess mit dem Klienten als fortlaufendes Geschehen zu betrachten. Diese Einstellungshaltung steht in engem Zusammenhang mit dem Bemühen des Beraters um persönliche Entwicklung und Weiterentwicklung. Der Berater kann nur soweit den Klienten in seiner Eigenart respektieren, solange dieser Respekt für den Klienten in der Persönlichkeitsstruktur des Beraters verankert ist.

Der klientenzentrierte Gesprächsführungsansatz ist somit also nicht ausschließlich als Methode zur Gesprächsführung mit dem Klienten zu sehen, sondern als Auftrag für den Berater aktiv an seiner Entwicklung und Inkongruenz zu arbeiten, um für den Klienten ein möglichst vollständiger Berater zu sein. Carl Rogers sagt dazu, dass der Berater ein anderer Mensch als der Klient sei, und sich deshalb nicht auf Anhieb das Verstehen mit dem Klienten einstellt, sondern der Berater muss sich um intensive und beständige Aufmerksamkeit bezüglich der Gefühlswelt des Klienten bemühen, welches jede andere Form der Aufmerksamkeit ausschließt.

Nach Rogers sollte der Berater dem Klienten eine Basis des Vertrauens schenken, indem dieser ihm durch positive Zuwendung zeigt, dass er ein Mensch von Wert und Würde ist. Dieses geschieht unter anderem dadurch, dass der Berater seine ganze Aufmerksamkeit und Anstrengung darauf richtet, den Klienten so wahrzunehmen und zu verstehen, wie er sich selbst wahrnimmt und versteht.

Das Persönlichkeitsbild nach Rogers

Unter Persönlichkeit versteht Rogers eine feste Struktur der Psyche, die sich im Erleben und Verhalten manifestiert. Im Jahre 1951 veröffentlichte Carl R. Rogers zum ersten Mal sein Persönlichkeitsbild des Menschen. Er ist der Auffassung, dass jedes Individuum in einer sich ständig ändernden Welt der Erfahrung lebt und selbst der Mittelpunkt dieser Welt ist. Der Organismus des Individuums reagiert entsprechend des Wahrnehmungsfeldes und hält dieses für „Realität“. Der Organismus hat eine Tendenz zur Aktualisierung, Erhaltung und Erhöhung von Erfahrungen. Verhalten ist ein zielgerichteter Versuch des Individuums seine Bedürfnisse zu befriedigen. Das innere Bezugssystem des Individuums ist Ausgangspunkt zum Verständnis des Verhaltens.

Nach und nach entwickeln sich Teile des Wahrgenommenen zum Selbst. Die Struktur des Selbst wird von den Interaktionen im menschlichen Bereich sowie von wertbestimmenden Interaktionen mit der Umwelt geformt. Durch die gemachten Erfahrungen hat das Individuum Werte in das Selbst integriert, die einen Teil der Struktur ausmachen. Ein anderer Teil der Struktur des Selbst macht die unbewusste Übernahme fremder Wertvorstellungen aus. Erfahrungen des Individuums werden entweder symbolisiert wahrgenommen und in Beziehung zum Selbstskript gesetzt, ignoriert, verleugnet, oder verzerrt wahrgenommen, da die gemachten Erfahrungen nicht mit der Selbststruktur übereinstimmen.

Körper- und Sinneserfahrungen, die vor dem Bewusstsein geleugnet werden, können eine psychische Fehlanpassung bewirken. Gemachte Erfahrungen, die nicht mit der Selbststruktur übereinstimmen, können als Bedrohung erlebt werden. Durch diese erlebte Bedrohung wird das Selbstkonzept enger strukturiert, um sich so weiter erhalten zu können.

Sind dem Individuum bestimmte Rahmenbedingungen gegeben, die das Selbstkonzept des Individuums nicht bedrohen, können Erfahrungen, die nicht mit der Struktur des selbstkonzepts übereinstimmen, wahrgenommen, überprüft und somit die Struktur des Selbst revidiert und die gemachten Erfahrungen mit einbezogen werden. Hat das Individuum die Erfahrungen in das Selbstkonzept übernommen und akzeptiert, stellt es fest, dass sein Wertesystem bisher weitgehend auf verzerrt symbolisierte von außen kommende Anschauungen bestand und nun durch einfortlaufendes neues Wertesystem ersetzt werden kann.

Zusammengefasst stellt sich heraus, dass der Mensch nach Rogers von Natur aus gut sei und eine angeborene Tendenz zur Aktualisierung hat. Der Mensch hat das Bestreben sich in konservativer Form selbst zu verwirklichen und unabhängig zu sein. Das angeborene Bedürfnis zur Aktualisierung hat seinen Ursprung im angeborenen Wertesystem, dem sogenannten „organismischen Selbst“. Sind die Wertvorstellungen im organismischen selbst mit den später introjizierten Wertvorstellung nicht zu vereinbaren, steht der Mensch bzw. Organismus unter Spannung, er hat ein Problem, ist inkongruent.

Die Persönlichkeitstheorie von Rogers stößt in der Fachwelt auch auf Kritik. Neben der Verhaltenstherapie und der Psychoanalyse nimmt die Klientenzentrierte Psychotherapie als dritte Strömung aus der humanistischen Psychologie ihre Stellung der Psychotherapieformen ein. Die angeborene Aktualisierungstendenz in konstruktiver Form wird von der Psychoanalyse, sowie von der Verhaltenstherapie widersprochen. Die Psychoanalyse geht von einem angeborenen Destruktivitätstrieb aus. Die Verhaltenstherapie sieht die Selbstaktualisierung von Rogers als einen erlernten Trieb an, und spricht von einer generellen Fähigkeit zum Lernen.  

Bedeutende Variablen der Klientenzentrierten Gesprächsführung

Von beratender Seite müssen Kongruenz, positive Wertschätzung (auch unbedingte Wertschätzung genannt) und Empathie als Grundhaltung im beratenden Gespräch gegeben sein. Nur so kann ein wachstumsförderndes Klima entstehen, um dem klienten die Möglichkeit zu geben sein Selbstkonzept zu modifizieren. Der Berater hat eine bestimmte Form der Beziehung zum Klienten aufgenommen und macht ihm dadurch ein bestimmtes Beziehungsangebot, das durch die drei oben genannten Beziehungsmerkmale gekennzeichnet ist. In der beratenden Situation nach Rogers hat der Berater das Ziel für den Klienten Wertschätzung zu empfinden. Dieses unbedingte Maß an Wertschätzung strebt der Berater nicht in seinem Interesse oder im Interesse des Klienten an, sondern im Sinne der Entfaltung des Klienten.

Kongruenz

Nach Weinberger (1998) ist sich der Berater dessen, was er erlebt und empfindet bewusst, er kann diese Empfindungen sich zugänglich machen und dem Klienten mitteilen, wenn es der Situation angemessen ist. In dieser Art ist der Berater dem Klienten gegenüber sichtbar bzw. transparent in seinen Gefühlen und Einstellungen. Weinberger sagt, dass Kongruenz nicht einfach gelernt werden kann, sondern als Grundeinstellung vorhanden sein muss. Allerdings lässt sich diese Einstellung durch persönliche Weiterentwicklung und Sich-selbst-Kennenlernen erwerben.

Biermann-Ratjen/Eckert/Schwartz (1995) definieren kongruent sein im Sinne sich seiner Gefühle bewusst werden zu können, die der Klient in einem auslöst. Durch dieses Bewusstwerden der Gefühle, wird der Berater nicht darin behindert sich in den Klienten einzufühlen und ihn positiv zu beachten. Sich bewusst wahrnehmen bedeutet, dass der Berater er selbst ist und sich nicht verleugnet. Allerdings kann diesen Zustand niemand vollständig erreichen, aber je mehr der Berater sich annimmt und seine Gefühle und Empfindungen in ihrer Ganzheit wahrnimmt und ohne Angst leben kann, um so größer ist das Maß an Kongruenz.

Kongruenzfähigkeit des Beraters bedeutet, dass er selbst nach Möglichkeit wenig therapiebedürftig ist, also mit sich im Einklang steht. Ein Mensch ist dann therapiebedürftig, wenn er zu seinem Erleben nicht stehen kann und sich sein Erleben nicht bewusst machen kann. Außerdem kann dieser Mensch sein Erleben nicht mitteilen, er kann nicht in sich hineinhorchen. Er kann seine Gefühle nicht ohne Angst erleben. Für einen konstruktiven Prozess in der Beratung ist es günstig, wenn der Berater möglichst kongruent sein kann. Ein gewisses Ausmaß zu kongruentem Erleben ist ganz sicher eine Eingangsvoraussetzung, die von jedem Berater erfüllt sein sollte und sehr häufig auch erfüllt wird. 

Die Bemühung um Kongruenz des Beraters sollte dahin gehen, dass er die Gefühle unverzerrt wahrnehmen kann, die ihn als Berater im Kontakt zum Klientel real leiten. Der Berater kann seine eigene Verletzlichkeit fühlen, die er als Spannungszustand erlebt (auch als Angst bekannt), sowie seine Abwehr dagegen, die sich im Kontakt mit dem Klienten einschleicht. Meistens sind es situationsbezogene Gefühle, die dem Berater seine Inkongruenz anzeigen, in denen er bestimmte Erfahrungen nicht gewahr wird. Das Bemühen des Beraters um Kongruenz oder die weitgehendste Beseitigung von Inkongruenz dient vor allem dazu, unbedingte Wertschätzung des Beraters zum Klienten herzustellen. Nur wenn der Berater im Kontakt mit dem Klienten kongruent zu sein, kann er auch unbedingt wertschätzend und empathisch mit ihm sein. 

Positive Wertschätzung

Als zweite Variable neben der Kongruenz ist die „unbedingte Wertschätzung“ zu benennen. Das Merkmal der unbedingten Wertschätzung besagt, dass sich der Berater bemüht, dem Klienten eine Wertschätzung entgegen zu bringen, die nicht an Bedingungen geknüoft ist. Der Berater akzeptiert den Klienten und nimmt ihn an, unabhängig davon, was der Klient äußert oder wie er sich gerade gibt. Dieses Akzeptieren des Klienten seitens des Beraters beinhaltet, dass dieser keine wertenden oder missbilligenden Stellungnahmen zum Ausdruck bringt. Außerdem bemüht sich der Berater während des Gesprächsverlaufes nicht selektiv wertend zu denken und dieses zum Ausdruck zu bringen.

Das absolute Akzeptieren des Klienten bedeutet allerdings nicht, dass der Berater allem zustimmen muss was der Klient sagt oder tut. Der Berater kann durchaus anderer Meinung sein als der Klient, allerdings muss dieser spüren, dass dadurch nicht die Beziehung negativ beeinträchtigt ist. Um dem Klienten positive Wertschätzung entgegen zu bringen genügt es nicht, ihm zuzuhören und ihm das verbal verstehen zu geben, indem er ihn als Person annimmt. Der Klient muss seitens des Beraters eine emotionale Beteiligung erfahren.

Biermann-Ratjen, Eckert und Schwartz meinen, dass der Berater seine eigenen Sichtweisen und Werthaltungen beiseite legen und der Erlebniswelt des Klienten ohne Vorurteile begegnen sollte. Unbedingte Wertschätzung bedeutet in diesem Sinne, dass der Berater das akzeptieren kann, was der Klient ihm mitteilt und zwar in der Art, dass der Berater ein positives Gefühl zu dem Klienten bekommt. Die unbedingte Wertschätzung ist Bedingung für einen Beratungsprozess, in welchem der Klient seinen eigenen inneren Bewertungen emotional näher kommen und diese auch erleben kann.

In der Realität wird ein effektiv arbeitender Berater das Gefühl der unbedingten Wertschätzung in den Beratungssituationen zu vielen Zeitpunkten erleben. Manchmal allerdings wird der Berater auch nur bedingte Wertschätzung dem Klienten gegenüber verspüren, sogar bis hin zur sporadischen Ablehnung. Das Nichteinstellen des Gefühls der Unbedingten Wertschätzung ist nicht gleich als das Versagen des Beraterws zu betrachten. Wenn der Berater verspürt, dass er dem Klienten gegenüber nur bedingte oder geringe Wertschätzung entgegen bringt, dann liegt darin eine Chance im Beratungsprozess vor, welche positiv genutzt werden kann. Der Berater kann dadurch angehalten werden, seine Einstellung und sein Verhalten dem Klienten gegenüber zu reflektieren. Die Haltung der unbedingten Wertschätzung ist in diesem Sinne als dynamischen und bemühenden Prozess zu sehen.

Empathie

Als dritte Variable der grundsätzlichen Beratungsmerkmale ist die Empathie, die auch als einfühlendes Verstehen bezeichnet wird, zu nennen. Weinberger (1998) versteht das einfühlende Verstehen nach Rogers so, dass der Berater versucht, sich in das Erleben des Klienten aus dessen Bezugsrahmen zu verstehen, und zwar so, wie dieser sie wahrnimmt. Der Berater teilt dem Klienten das Verstandene weitesgehend genau und konkret verbal mit. Das setzt natürlich voraus, dass der Berater richtig zuhören kann. Der Berater muss besonders auf den emotionalen Gehalt und auf die Tonlage des Gesagten achten. Ebenso beachtet er immer wiederkehrende Worte und Sätze und versucht einem evtl. „roten Faden“ zu Folgen.

Nach Biermann-Ratjen, Eckert und Schwartz bedeutet Empathie sich stellenweise in die Lebenssphäre des Klienten, ohne Urteile zu fällen, zu begeben und die dem Klienten möglicherweise unbewussten  Gefühlsdeutungen zu erfühlen und gegebenenfalls aufzudecken. Einfühlen schließt das Mitteilen der Gefühle des Beraters bezüglich der Erlebniswelt des Klienten mit ein. Das so ausgestaltete Zusammensein bedeutet für den Berater in dieser Zeit seine eigenen Werthaltungen und Sichtweisen beiseite zu legen, um vorurteilsfrei die Erlebniswelt des Klienten betreten zu können.

Die sprachliche Wiedergabe des Beraters der Erlebnisinhalte des Klienten wird nach Tausch „Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte“ genannt. Die „Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte“ durch den Berater dient der Förderung der Selbstexploration des Klienten. Das Verstehen durch den Berater kann dazu führen, dass der Klient seine Erfahrungen genauer und vollständiger wahrnimmt. Das geschieht dadurch, dass der Berater seine Äußerungen bezüglich der Erlebnisinhalte des Klienten ihm diese nicht als Feststellung unterbreitet, sondern ihm diese als Frage formuliert als Sichtweise anbietet. Der Klient kann dann entscheiden, ob diese Äußerungen auf seine Empfindungen zutreffen oder nicht.

Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass auch die Verbalisierungstechnik als Aspekt der Klientenzentrierten Gesprächsführung nicht als bloße Methode oder Technik gesehen werden darf, sondern als Einstellung anzusehen ist, wenn der Berater beim Klienten Erfolge verzeichnen möchte. Durch das Beratungsangebot seitens des Beraters kann der Klient zunehmend die Bereitschaft entwickeln Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das kann sich darin zeigen, dass der Klient sich mehr denn vorher sich ausschließlich seiner eigenen Erfahrungswelt zuwendet und dabei die Tendenz verliert die Lösung seiner Schwierigkeiten bei anderen Personen zu suchen.

Praxis der Klientenzentrierten Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit ist dann angezeigt, wenn Einzelne, Gruppen, oder Teile des Gemeinwesens nicht so funktionieren, wie sie von sich selbst oder andere von ihnen erwarten. Für die Sozialarbeiter stellt die Methode der Klientenzentrierten Gesprächsführung eine besondere Form der Wahrnehmung dar, die es ihm ermöglicht kompetente Entscheidungen zu treffen. Einem Sozialarbeiter sollte allerdings klar sein, dass er kein Therapeut ist und von daher kann er das Klientenzentrierte Gesprächsführungsmodell auch nur begrenzt einsetzen.

Weinberger (1998) schreibt dazu, das die Erweiterung des klientenzentrierten Ansatzes über einen therapeutischen Rahmen hinaus nicht bedeutet, beliebige berufliche Situationen in therapeutische umzufunktionieren. Die klientenzentrierte Grundhaltung darf nicht als Technik verstanden werden, die der Berater einübt, um den Klienten so zu manipulieren, wie es dem Handlungsauftrag der Institution entspricht. Auf der anderen Seite darf die klientenzentrierte Grundhaltung als „allgemeine Charaktereigenschaft“ verstanden werden, die nicht dazu dienen soll zum Klienten immer „lieb“ zu sein.

Vielmehr handelt es sich bei der klientenzentrierten Haltung um eine Grundeinstellung dem Klienten als Menschen zu bebegnen. Um das klientenzentrierte Konzept nach Rogers als Grundhaltung zu realisieren, muss der Berater diese Grundhaltung in jeder Beziehung, in jedem Kontakt zum Klienten als ein sich entwickelnder Prozess ansehen. In wieweit diese Realisierung gelingt, hängt vom Berater, vom Klienten und von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab. Das heißt also, dass der Berater zuerst für sich klärt, unter welchen Bedingungen er zum Klienten eine Beziehung aufnimmt.

Hans-Joachim Schwartz (1984) schreibt, dass es in der Klientenzentrierten Gesprächsführung um Aspekte einer Beziehung geht, und nicht um Aspekte von Verhalten. Das Bemühen um kongruentes, unbedingt wertschätzendes und empathisches Verhalten wird zu einem ungenügenden Ersatz einer möglichen Beziehung und ist ein Indikator dafür, dass eben genau diese Beziehung nicht vorliegt. In der Klientenzentrierten Psychotherapie geht es aber ursprünglich um die Entwicklung einer bestimmten Beziehung, die dem Klienten als Boden zur Verhaltensänderung dient.

Bei der Umformulierung des Konzeptes der Klientenzentrierten Psychotherapie zu Klientenzentrierter Gesprächsführung entsteht ein Verhaltenskonzept, das beliebig immer dann eingesetzt wird, wenn ein Mensch sich ändern soll. Schwartz hält das Erlernen dieser Methode nur solange legitim, wie der Berater sich der Tatsache bewusst ist, dass sie nur für ihn selbst erlernt wird, also dazu dient selbst offener gegenüber dem eigenen erleben zu werden. Schwartz fragt: „Warum braucht der Berater eine Methode um zum Klienten eine Beziehung aufbauen?“ Wenn der Berater wirklich kongruent, empathisch und unbedingt wertschätzend ist, dann muss dieser auch nicht überlegen, wie er diesen Zustand dem Klienten näher bringt.

Nach Schwartz sieht es fast so aus, als ob hinter den Beziehungsvorschlägen des Beraters auch ein Misstrauen steckt, dass der Klient den Berater wirklich so versteht, wie dieser auch verstanden werden möchte. Oder es steckt dahinter die Furcht, dass der Klient merkt, dass eine Diskrepanz beim Berater besteht, zwischen dem, was er zeigt und dem, was wirklich in ihm vorgeht.

Schwartz fordert die Sozialarbeiter auf, die das Klientenzentrierte Gesprächsführungskonzept als Methode anwenden wollen, dieses Vorhaben zu lassen. Statt dessen sollten sie sich die Zeit nehmen sich in kongruenter und selbstempathischer Weise darum bemühen, ihre Motivation zum Helfen zu erforschen. In diesem Zusammenhang sollte der Berater sich mit seinen Wünschen und Ängsten in Bezug auf Nähe und Distanz und mit der Übernahme von Verantwortung sich und dem Klienten gegenüber auseinandersetzen.

(Quelle: Michael Drews, „Aspekte von Klientenzentrierter Gesprächsführung mit wohnungslosen Menschen“, Hausarbeit, 2000)