Angst

Das Thema Angst begleitet mich schon so lang ich denken kann. Psychologisch betrachtet ist Angst ein ganz „normales“ Gefühl. Das heißt, dass Angst für den Menschen als Schutzfunktion dient, und er dadurch in speziellen Lebenssituationen besonders aufmerksam ist. In der „frühen“ Zeit des Menschen diente die Angst als Schutz vor Gefahren, wie wilden Tieren, aggressiven Feinden, bedrohliche Naturereignisse und sonstige Gefahren.

Heutzutage wird Angst von vielen Menschen nicht mehr bewusst wahr genommen, gar verdrängt, da diese durch Erziehung fälschlicherweise tabuisiert wurde. Angst zu verspüren wird vielfach als Schwäche angesehen, wodurch man, gerade als Mann, vielfach Spott und Hohn ausgesetzt ist. In der Philosophie wird unterschieden zwischen „Furcht“ und „Angst“. Wo da nun die genauen Unterschiede sind, kann ich so gar nicht sagen, und soll auch hier nicht das Thema sein. Mir geht es vielmehr darum zu schildern, dass Angst durch die Tabuisierung und das Leugnen erst zu einem echten Problem werden kann.

Menschen die ihre Ängste überhaupt nicht mehr wahrnehmen können, da sie gelernt haben früh zu verdrängen, können körperliche Erkrankungen bekommen, ohne das die Ursache, die Angst, zunächst ausfindig gemacht werden kann. Oft tritt dieses Phänomen bei Männern auf, da diese meinen, eben keine Angst spüren zu dürfen und vor allem nicht zeigen zu dürfen.

Schon in meiner Kindheit war ich sehr ängstlich, was mich auch viel Spott von anderen Kindern, aber auch von Erwachsenen ernten ließ. Oft habe ich mich gefragt, wann ist Angst „normal“ und wann ist diese „Angst“ pathologisch. Sicher, es gibt die Ängste, die im Kriterienkatalog für psychische Erkrankungen ICD-10, oder dem DSM-IV als Angsterkrankung definiert sind. Aber von diesen Ängsten schreibe ich nicht. Vielmehr meine ich die Angst, die als Ursache aller Ängste und anderen psychischen Erkrankungen  gelten kann, also einer Art Urangst. Manche Autoren der Psychoanalyse sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Urvertrauen“, welches bei einer halbwegs geglückten Mutter-Kind-Bindung gut ausgeprägt ist.

Als Kind hatte ich oft eine Art Vorahnung, was das für eine Angst ist, konnte diese aber nie richtig in Worte fassen. Heute, als Erwachsener und nunmehr 56 Jahren, weiß ich genau was das für eine Angst ist, und wie man sie benennt. Diese Angst ist der Auslöser vieler psychischer Erkrankungen und vor allem, aller Suchterkrankungen. Es ist die „Bindungsangst“. Vielfach auch Angst vor Beziehungen, Angst vor Nähe usw. benannt. Kern des Problems ist die frühe Bindung zur Mutter, und das daraus erwachsende Gefühl und Bild von sich selbst und der damit verbundenen Umwelt, oder auch Aussenwelt genannt.

An dieser Stelle möchte ich mich nicht zu sehr in die Psychoanalyse vertiefen, aber um den Ursprung dieser Angst, oder vielmehr Ängste, einigermaßen verständlich zu erläutern, muss ich Themenbereiche der Psychoanalyse anreißen. In den ersten Monaten des Menschendaseins bilden Mutter und Kind (Embrio, Säugling) eine fast vollständige Einheit (Symbiose). Die Auflösung dieser Einheit geschieht im besten Fall allmählich, indem das Kind lernt, auf seine Umwelt zu reagieren und sie zu bergreifen. Es entwickelt seine Motorik und gleichzeitig seine Ich-Funktionen. Das Kind vergewissert sich zwar immer mal wieder nach der Nähe seiner Mutter, doch geht es seiner Wege, auf denen es seine Selbstständigkeit ausprobiert. Diese Phase der Loslösung dauert beim Menschen viele Jahre. In der heutigen Zeit, in der die Ausbildungen sehr lange dauern können, kann sie sich bis zum 25. Lebensjahr hinaus erstrecken.

In der  Entwicklung der Psychoanalyse wurden für diesen Zustand, von Symbiose und Erlebniswelt des Kindes, unterschiedliche Begriffe genannt. Über „primärer Narzißmus“ (Freud), der damit die völlige Selbstbezogenheit des Kindes verstand, „urnarzißtische Selbstbezogenheit“, oder „objektlose Stufe“ u.a. war alles dabei. All diese Bezeichnungen sollten diesen primär Zustand zielgerichtet erklären und benennen. Indem sich die Mutter auf die Bedürfnisse des Kindes einstellt, vermittelt sie ihm Geborgenheit und Urvertrauen. Für das Gelingen einer späteren Partnerschaft ist es wichtig, daß Mutter und Kind eine gesunde Symbiose miteinander eingegangen sind, die einerseits liebende Hingabe und Zuwendung beinhaltet, und andererseits mit dem Heranwachsen des Kindes Abgrenzung und Förderung der Autonomie erfordert.

Wenn nun diese Mutter-Kind-Beziehung aus irgendeinem Grunde gestört, gebrochen, oder zu früh unterbrochen wird, kann es zu einer Fehlentwicklung bei dem Kind kommen. Das Erleben dieser Fehlentwicklung kann bei dem kleinen Menschen ganz unterschiedlich sein. Abhängig von seelischer Konstitution des Kindes, von genetischer Disposition und Vulnerabilität (Empfindsamkeit) kann das Kind das Getrenntsein von der Mutter unterschiedlich erleben und bewerten. In der heutigen Zeit, ist es meiner Meinung nach, fast unmöglich in den westlichen Industrieländern eine ununterbrochene Symbiose (Kontinium nach Liedloff) mit der Mutter auszuleben. Die Lebenswirklichkeit zwischen Mutter und Kind ist heute geprägt durch alleinerziehende Mütter, Teilzeitarbeit der Mutter, berufliche Doppelbelastung der Eltern, Scheidung oder gar Tod eines Elternteils, uvm. Daraus entstehen beim Kind Ängste, die es individuell verabeiten lernen muss.

Im Erwachsenenleben ist eine häufige Ursache der Einsamkeit eines Menschen die unaufgelöste (bzw. unnatürliche Unterbrechung) der Symbiose zu den Eltern, die eine Beziehungsunfähigkeit, eine Liebesunfähigkeit und damit Einsamkeit bewirkt. Sucht ein Partner zuviel Nähe und ist er darin unersättlich, so klammert er sich an den anderen und begibt sich in eine kindliche Abhängigkeit. Er ist nicht in der Lage , Getrenntsein ohne innere  Unruhe und Trennungsangst anzunehmen.

Die Auflösung der Symbiose ist ein schwieriges Stück Arbeit für die betroffenen Menschen. Sie kann mit Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Angst und psychosomatischen Symptomen verbunden sein. Es ist einerseits die Angst, sich zu entwickeln und sich von den Etern und ihren einschränkenden Geboten zu trennen, andererseits ist es die Angst vor Nähe und Liebe, Aggressivität und Sexualität.

Literatur:

Jeremy Holmes; „John Bowlby und die Bindungstheorie“, 2002, Ernst Reinhardt Verlag, München

Holger Bertrand Flöttmann; „Angst – Ursprung und Überwindung“, 2005, W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Otto F. Kernberg / Hans-Peter Hartmann; „Narzissmus – Grundlagen, Störungsbilder, Therapie„, 2006, Schattauer Verlag, Stuttgart