Sokrates (469 – 399 v. Chr.)

Er lebte im 5. Jh. v.Chr. in Athen und wurde im Jahr 399 v.Chr. im Alter von 70 Jahren durch den Giftbecher hingerichtet. Zunächst war er von der Schule der Sophisten geprägt, hat aber einige Denkfehler dieser Schule aufgedeckt und überwunden. Auf ihn berufen sich mehrere philosophische Schulen der hellenistischen Zeit: Kyniker, Kyrenaiker, Epikuräer und Stoiker. Da er selbst keine Schriften hinterlassen hat, kennen wir seine Lehre vor allem aus den Darstellungen seines Schülers Plato und aus den „Memorabilia“ des Xenophon.

Plato schildert seinen Lehrer Sokrates in den frühen Dialogen als Denker, der die Wissensansprüche seiner Mitmenschen in Frage stellte. Er dachte vor allem über die Belange der Ethik und der moralischen Tugend nach. Seine philosophische Grundfrage hatte die Form: „Was ist X?“ So suchte er nach dem Allgemeinen, das so beschaffen ist,  dass es mehreren Dingen zukommt. Aber er räumte dem Allgemeinen keine Existenz ein, wie dies später Plato tat. Denn er fragte nach der Tugend, die eine bestimmte Form (eidos) und Gestalt (idea) hat. Damit unterschied er der Tendenz nach zwischen einer Art (eidos) und einer Gattung (genos).

Das moralische Handeln ist für ihn wesentlich eine Angelegenheit der Vernunft. Denn moralische Sachverhalte sind unverrückbare Fakten und damit der Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ unterworfen. Das Anliegen der Ethik besteht folglich darin, wahre Sätze über Gut und Schlecht ausfindung zu machen. Denn wenn moralisches Handeln eine Sache des Wissens ist, dann handelt der Wissende auch moralisch richtig. Diese Lehre hat später die stoische Schule weiter entfaltet. So fragte Sokrates nach den Kriterien des ethischen Wissens; denn jede Tugend (arete) beinhaltet ein Können (techne) und ein Wissen (episteme). Doch auch die Intuition spielt beim Erkennen der Tugend eine wichtige Rolle.

Für Sokrates war das Wissen um die moralischen Werte die hinreichende Bedingung für das richtige Handeln: Denn wer das Gute erkennt, wird es auch tun. Die verschiedenen Tugenden bilden eine Einheit, wer sich auf eine versteht, kennt alle. Freilich kennt nur der philosopisch Gebildete die Tugend im vollem Umfang. Wenn jemand tapfer lebt, dann hat er auch ein Wissen von Gut und Böse. Tapferkeit, Weisheit, Besonnenheit und Gerechtigkeit sind die vier Teile der einen Tugend.

Wenn moralisches Wissen die notwendige und hinreichende Bedingung für das sittliche Handeln ist, dann beruhen die moralisch falschen Handlungen auf einem Irrtum bezüglich des Seins und des Sollens. Es folgt daraus, dass niemand freiwillig das Unrecht tut. Der Übeltäter folgt einem Irrtum, er kennt nicht das moralische Gesetz. Wir erstreben die Dinge deswegen, weil wir überzeugt sind, dass sie für uns gut sind. Und wir vermeiden sie, weil wir denken, dass sie für uns schlecht sind. Folglich schädigen ungerechte Handlungen den Übeltäter in seiner Seele, sodass er für den Weisen als bedauernswert erscheint. Niemand will freiwillig böse sein. Für den Weisen ist es weniger schlecht, Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun. Es gibt eine Lust wider besseres Wissen, die von vielen angestrebt wird; sie ist aber ein Fall von Unwissenheit. Wenn wir zwischen zwei Handlungen wählen können, dann folgen wir der, von der wir mehr an Lust erwarten.

Viele wählen statt eines kleines Guten ein großes Übel, sie lassen sich durch die Einwirkungen des Scheines irreführen. Die schlechte Wahl ist aber immer das Ergebnis eines Nichtwissens. Fünf Faktoren sind zumindest dafür verantwortlich, dass jemand gegen sein besseres Wissen handelt: die Lust, die Furcht, die Liebe, der Zorn und der Schmerz. Wer von der Lust überwältigt wird, zeigt eine Schwäche des Willens (akrasia). Nicht alle setzen das Gute mit dem Lustvollen gleich. Die Tugend als sittliche Tüchtigkeit hängt immer von unserer Einsicht in das Gute ab.

Das Tun von Unrecht ist auf alle Fälle für den falsch, der es als Unrecht  erkannt hat. Sokrates floh nicht aus dem Gefängnis, obwohl er dazu die Möglichkeit bekam; denn er sah in der Flucht ein Unrecht. Er war nämlich in Athen angeklagt, die Jugend zu verführen und neue Götter zu verehren. Denn er fragte in einer neuen Weise nach dem Göttlichen, das sich uns zeigt. Für ihn gelten die moralischen Prinzipien ohne Ausnahme und absolut: Gerechte Vereinbarungen müssen eingehalten werden, Unrecht darf nicht getan werden.

Es ist immer falsch, einen Mitmenschen zu schädigen. Folglich darf ein Unrecht nicht mit einem Unrecht vergolten werden. Vereinbarungen und Versprechungen gelten nur dann, wenn sie gerecht sind. Wenn sie ungerecht sind, müssen sie nicht eingehalten werden. Da Sokrates in Athen blieb, hat er die Gesetze der Stadt akzeptiert. Nun fühlt er sich an sie gebunden und flieht nicht aus dem Gefängnis. Als er den Giftbecher trinkt, glaubt er an ein Weiterleben seiner Seelenkraft. Der Tod ist für ihn, wie wenn man „von einer Krankheit genesen“ ist.

Der Zweck der Philosophie ist die kritische Prüfung des Denkens, die Bildung der Jugend und die Anleitung zum guten Leben. Die ethischen Werte sind nicht relativ, wie die Sophisten lehrten, sie gelten unbedingt. Wir können sie mit unserer Vernunft erkennen und folglich auch lehren. Ein Handeln ist dann richtig, wenn es den wahren Nutzern, nämlich die Glückseligkeit, bewirkt. Jeder muss sich selbst erkennen, um die sittliche Tugend zu verwirklichen. Wenn ich weiß, wer ich bin, dann erkenne ich, was ich tun soll.

In jedem Menschen findet sich eine innere Stimme (daimonion), die ihm sagt, was er tun und was er lassen soll. Die höchste Tugend ist die Genügsamkeit; denn wer am wenigsten bedarf, ist der Gottheit am nächsten. Nur wer sich selbst beherrschen kann und die richtige Einsicht in die Dinge hat, soll im Staat die Herrschaft ausüben. In der Politik reden zu viele mit, die diese Bedingungen nicht erfüllen. Sokrates starb für seine moralischen Überzeugungen, er wollte kein Unrecht tun. Damit ist er für unsere Kultur zum Vorbild der aufrechten Vernunft geworden: Die Aufgabe der Philosophie liegt zum einen im kritischen Denken, zum anderen im Erreichen des guten Lebens.

(Quelle: Anton Grabner-Haider, „Die wichtigsten Philosophen“, 2006)