Sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe

Der Begriff “Sekundäre Pflanzenstoffe” bezeichnet eine Vielzahl unterschiedlicher Verbindungen, die im sogenannten Sekundärstoffwechsel der Pflanze gebildet werden. Das bedeutet: Diese Stoffe haben keine Funktion im Energiestoffwechsel der Pflanze; sie dienen auch nicht als Gerüstsubstanz und sind ebenfalls nicht an Enzymreaktionen beteiligt, wie z.B. die Vitamine.

Die Pflanze bildet diese Substanzen als Schutz- und Abwehrstoffe sowie als Farbstoffe und Wachstumsregulatoren. Fünf- bis zehntausend dieser Substanzen kommen natürlicherweise in der menschlichen Ernährung vor. Da sie im eigentlichen Sinne keinen Nährwert aufweisen, wurden sie früher in der Ernährungswissenschaft als eher schädlich, zumindest aber als überflüssig eingestuft. Aufgrund des wissenschaftlichen Erkenntniszuwachses in den letzten Jahren zeigte sich immer mehr, dass den sekundären Pflanzeninhaltsstoffen eine Vielzahl gesundheitsförderlicher Funktionen zu eigen ist und sie wesentlich zum gesundheitlichen Wert der pflanzlichen Kost beitragen. Vegetarier haben eine höhere Zufuhr sekundärer Pflanzenstoffe und sicherlich deshalb auch geringere Krankheitsrisiken als Mischköstler. Im Folgenden werden einige Gruppen dieser sekundären Pflanzenstoffe kurz vorgestellt:

Carotinoide

Die Carotinoide sind eine weitverbreitete Gruppe von Pflanzenfarbstoffen. Im Blut konnten bisher 14 verschiedene Carotinoide nachgewiesen werden. Das Betacarotin ist wohl der bekannteste Vertreter dieser Gruppe in der menschlichen Ernährung. Hohe Konzentrationen finden sich in Möhren, Spinat und Aprikosen. Betacarotin hat eine Provitamin-A-Wirkung, das heißt, der menschliche Organismus kann im Bedarfsfall daraus Vitamin A herstellen. Außerdem ist Betacarotin eine sehr bedeutende antioxidative Verbindung, die besonders die Fette in den Zellmembranen schützt. Eine hohe Zufuhr von Betacarotin kann die Sonnenbrandneigung vermindern und wirkt insgesamt immunstimulierend.

Ein anderes wertvolles Carotinoid ist das Lykopin, ein roter Pflanzenfarbstoff, der sich in hohen Konzentrationen in Tomaten und Wassermelonen findet. Es gibt Hinweise aus Studien, dass Lykopin einen vorbeugenden Effekt gegen Arteriosklerose hat und das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen vermindern kann, wie z.B. den Prostatakrebs und Tumoren des Verdauungstraktes.

Weitere Carotinoide sind das Lutein und Zeaxanthin. Hohe Konzentrationen weisen Grünkohl, Spinat und Broccoli auf. Die wesentlichste medizinische Bedeutung dieser beiden Substanzen dürfte in der Vorbeugung und Therapie von Augenerkrankungen liegen, vor allem der altersabhängigen Makuladegeneration. Der vermehrte Verzehr carotinoidreicher Nahrungsmittel hat eindeutig einen Schutzeffekt gegenüber Herz-Kreislauf-Erkrankungen, während dieser z.B. für Betacarotin als Einzelsubstanz nicht gegeben ist. Nahrungsmittel sind mehr als die Summe von Einzelsubstanzen. Erst das Zusammenwirken der vielen Bestandteile bewirkt den Wert einen Nahrungsmittels.

Polyphenole

Polyphenole sind eine riesige Gruppe von Pflanzeninhaltsstoffen, deren bekannteste Vertreter die Flavonoide sind. Derzeit sind zwischen vier- und fünftausend verschiedene Flavonoide bekannt. Zu den Flavonoiden gehören die Anthozyanfarbstoffe, die sich vor allem in Kirschen, Pflaumen, roten Trauben, Rotkohl und Auberginen finden. Gelbe Flavonoide sind z.B. in Zwiebeln und in Endivien enthalten; verschiedene Gerbstoffe kommen vor allem in Tee und im Rotwein vor.

Polyphenole sind die wichtigste Gruppe pflanzlicher Antioxidantien. Aufgrund ihrer antioxidativen Eigenschaften sind die Polyphenole bei einer Vielzahl von Erkrankungen hilfreich, an denen oxidative Prozesse beteiligt sind, z.B. Arteriosklerose, Rheuma, Entzündungen, Krebserkrankungen etc.

Phytosterine

Phytosterine kommen in nennenswerten Mengen nur in fettreichen Pflanzenteilen vor; Sonnenblumenkerne und Sesam weisen besonders hohe Gehalte auf. Phytosterine haben eine ähnlich chemische Struktur wie Cholesterin und können die Cholesterinaufnahme im Darm stark reduzieren. Das ist besonders für jene Menschen von großem Interesse, die einen zu hohen Cholesterinspiegel haben.

Glucosinolate

Die Glucosinolate sind vor allem für den typischen Geschmack von Kohlgemüsen wie Rotkohl, Rosenkohl, Kohlrabi, Broccoli und der scharf schmeckende Pflanzen wie Kresse, Rettich, Knoblauch, Senf und Meerrettich verantwortlich. Es gibt zunehmend wissenschaftliche Beweise dafür, dass Glucosinolate eine krebsvorbeugende Wirkung haben. Sie verfügen auch über leicht antibiotische Eigenschaften und können deshalb bei Infektionen der Atem- und Harnwege Hilfreich sein.

Sulfide

Sulfide sind flüchtige schwefelhaltige Substanzen; diesen verdanken vor allem Lauchgewächse ihren intensiven Geschmack und nachhaltigen Geruch. Sulfide sind reichlich enthalten in Knoblauch, Bärlauch, Zwiebeln, Lauchzwiebeln, Schnittlauch, Lauch, Spargel und Schalotten. Ähnlich wie die Glucosinolate, können auch die Sulfide als eine Art natürliches Antibiotkum bezeichnet werden. Sie haben ein antikanzerogenes Potential und einen Schutzeffekt gegenüber Herz-Kreislauf-Erkrankungen, können erhöhte Cholesterinspiegel senken und überschießende Entzündungsreaktionen günstig beeinflussen. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass sie blutverdünnende Eigenschaften besitzen.

Terpene

Terpene haben eine besondere Bedeutung als pflanzliche Aromastoffe. Sie sind Hauptbestandteil ätherischer Öle und deshalb praktisch in allen Pflanzen mit spezifischen Aroma enthalten, z.B. in Kümmel, Citrusfrüchten, Pfefferminze, Muskat, Anis, Pfeffer, Sellerie. Einige Terpenverbindungen weisen antimikrobielle Eigenschaften auf. Das D-Limonen in Citrusfrüchten und manchen terpenhaltigen Pflanzen, z.B. im Thymian, wirkt auch schleimlösend.

Phytoöstrogene

Von diesen Pflanzeninhaltsstoffen gibt es zwei wichtige Vertreter; die sogenannten Lignane und die Isoflavonoide. Lignane sind in Pflanzen weit verbreitet und kommen besonders reichlich in Vollkornprodukten, Leinsamen, Weizen, Gerste, Sesam, aber auch in Walnüssen vor. Isoflavonoide hingegen sind ausschließlich in tropischen Hülsenfrüchten, wie z.B. der Sojabohne, enthalten. Lignane haben u.a. einen vorbeugenden Effekt gegen Herzinfarkt. Den Phytoöstrogenen kommt in der Prävention hormonabhängiger Krebsarten, z.b. Brustkrebs und Prostatakrebs, große Bedeutung zu. Außerdem besitzen sie antioxidative Eigenschaften, das heißt, sie schützen die Zellen vor freien Radikalen. Die Forschungsergebnisse über den gesundheitlichen Nutzen der sekundären Pflanzeninhaltsstoffe zeigen eindrucksvoll, dass pflanzliche Nahrungsmittel auch Heilmittel sind, wie es in der Medizin der Antike der berühmte Arzt Hippokrates in dem Satz formulierte:

“Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein, und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein:”

(Quelle: Hans Günter Kugler; “Vegetarisch essen – Fleisch vergessen”, 2010)