Sei nicht von dieser Welt, sondern auf dieser Welt

Als Kind war ich sehr stark eingebunden in der Kirche, ich sage immer, ich bin in die Kirche hinein geboren (LDS Kirche – Mormonen), da meine Eltern auch bereits in die Kirche hinein geboren sind, war das eine Selbstverständlichkeit. Die Aussage: „Sei nicht von dieser Welt, sondern auf dieser Welt“, hat sich in mein Gedächtnis förmlich hinein gebrannt, und diesen Satz empfand ich früher als Belastung, wohingegen ich ihn heute als Bereicherung verstehe.

Da diese Aussage bis heute ein Leitsatz innerhalb der Kirche ist, kann ich ihn immer wieder lesen, wahr mir aber nie ganz des Ursprunges bewusst. In meiner Kindheit war David O. Mc Kay Präsident der Kirche Jesu Christi, und ich dachte, mich erinnern zu können diesen Satz ihm als Quelle meiner Kindheit zu zu ordnen.

Obwohl ich in meiner Jugend und auch später als Erwachsener diesem Leitsatz im Sinne der Kirche alles andere als gerecht wurde, und auch heute noch immer nicht werde, finde ich diesen Satz sehr gut, und bemühe mich diesem Ideal anzunähern. Obwohl dieser Anspruch auch, sofern man in keine Gemeinschaft eingebunden ist, die Gefahr in sich birgt, in eine Gesellschaftliche Isolation zu geraten. Auch hier gilt sicherlich der Weg der Mitte und nicht der Extreme.

Der Ursprung dieses Leitsatzes ist aber die Bibel. In Römer 12:2 lesen wir folgenden Vers:

„Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“

Dieser Vers ist eindutig der Ursprung dieses Leitsatzes, den ich schon als Kind so aufgesogen habe. Nun bin ich seit vielen Jahren aus persönlichen Grunden von meiner Seite kein Mitglied dieser Kirche mehr, obwohl ich den Großteil dieser Lehre glaube, in mich aufgesogen habe und diese auch vertrete. Allerdings habe ich bedingt durch meine Sozialisation, Kindheitserlebnisse und meine Suchtkrankheit ein hartes Leben geführt, und erlebe es immer noch als sehr mürbe machend, aufgrund einer psychischen Erkrankung.

In diesem Zusammenhang, kann ich mich sehr mit „Omni“ aus dem Buch Mormon vergleichen, der zwar die Aufzeichnungen seines Vaters aufbewahrt, etwas hinzufügt und dann weiter gibt, um die Geschichtsschreibung des Volkes der Nephiten, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Omni schreibt in Vers 2:

„Darum möchte ich, dass ihr wisst, dass ich in meinen Tagen viel mit dem Schwert gekämpft habe, um mein Volk, die Nephiten, davor zu bewahren, dass sie ihren Feinden, den Lamaniten, in die Hände fielen. Aber siehe, ich selbst bin ein schlechter Mensch, und ich habe die Satzungen und die Gebote des Herrn nicht so gehalten, wie ich es hätte tun sollen.“

Diese Selbstoffenbarung hat mich schon vor vielen Jahren sehr berührt, und ich bin anderer Meinung als Omni von sich selbst behauptet. Denn jemand der die Aufzeichnungen seines Volkes aufbewahrt, sein Volk verteidigt, und sich selbst offenbart, kann kein schlechter Mensch sein. Gut, er hat aus welchen Gründen auch immer, die Gebote Gottes nicht so gehalten, wie er es gern getan hätte, das macht in meinem Sinne aber noch lange keinen schlechten Menschen aus.

Als ich im Jahre 2010 einmal eine berufliche Wiedereingliederung versuchte, lernte ich einen Menschen kennen, der sich der Philosophie sehr hingezogen fühlte. Diesem erzählte ich einmal von diesem mir gelehrten Leitsatz der Kirche, und aus biblischer Sicht im Prinzip aller Christen. Allerdings bekomme ich von den Katholiken und Protestanten diesbezüglich nicht viel mit. Dieser Mensch, für den ich Sympathie empfand, schenkte mit einmal ein Gedicht, welches der biblischen Aussage, und dem Leitsatz meiner Kindheit doch sehr nahe kommt, wenn nicht sogar ähnlich ist.

Tu viel, doch nicht, was alle tun:

Bleib stehn, wenn alles fällt,

lass nach, wenn alles steht –

„sei in der Welt, nicht von der Welt!“

Sei mutig und sei vorsichtig:

Gib Acht, wenn alles bellt,

und bell, wenn alles schweigt –

„sei in der Welt, nicht von der Welt!“

Sei heute, doch kein Heutiger:

Verdiene dir dein Geld,

doch diene nicht dem Geld –

„sei in der Welt, nicht von der Welt!“

(nach Dschuang Dsi)