Pythagoras (6. Jh. v. Chr.)

Er ist der erste Vordenker einer philosophischen Schule, die im 6. Jahrhundert in Unteritalien entstand. Geboren wurde er um 570 v. Chr. auf der Insel Samos, die wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zu Ägypten unterhielt. Er wanderte in die griechische Kolonie Kroton aus, wo er die Herrschaft des Landadels unterstützte. Dort wirkte er an der Gesetzgebung und Verfassung der Stadt mit, er schuf ein Münzsystem und entwarf die Prägung der Münzen. Von daher dürfte sein Interesse an der Ordnung der Zahlen kommen.

Seine Lehren wurden mündlich überliefert, denn er verfasste keine Schriften. Seine Schüler schlossen sich zu Bünden (heteriai) zusammen, die hierarchisch gegliedert waren. Sie standen vereinzelt auch Frauen offen, denn seine Tochter Theano wird als Mitglied erwähnt. Die zentralen Lehrinhalte mussten geheim bleiben. Die Bünde bestanden aus zwei Gruppen: a) Die Akusmatiker folgten der neuen Lebensform, sie waren in politischen Fragen konservativ. b) Die Mathematiker kannten darüber hinaus die philosophischen Lehren und waren für Neues offen. Die Lehre bestand zum einen aus einem mathematisch-wissenschaftlichen Teil, zum anderen aus religiös-ethischen Inhalten.

Nach dieser Lehre wirkt in jedem Menschen eine unsichtbare Seelenkraft (Psyche), die nach dem Tod des Körpers fortlebt. Sie kann sich im Traum und in der Ekstase vom Körper trennen und ist das wahre Wesen eines Menschen. Wie ein Hauch wird sie gesehen, gehört aber zum Bereich des Göttlichen. Sie wird in mehrere Körper hineingeboren und folgt damit einem Kreislauf der Geburten (kyklos tes genneseos), um zuletzt wieder in die Region des Göttlichen zurückzukehren. Ähnliches lehrten auch die Gemeinschaften der Orphiker. Die Seelenkraft muss sich in jedem Leben von Folgen böser Taten reinigen.

Diese Reinigung erfolgt zum einen durch die asketische Lebensform, zum anderen durch die wissenschaftlichen Bemühungen. Askese bedeutet den zeitweiligen Verzicht auf lustvolle und lebensnotwendige Erfahrungen. Das Fleisch von Tieren darf nicht gegessen werden, denn es könnte die Seele eines Freundes darin wiedergeboren sein. Deswegen lebten die Mitglieder der Schule vegetarisch. Die Einzelseele gehört dem beseelten Universum an, somit ist alles Lebendige miteinander verwandt. Jede Seele kann sich durch Askese und Wissenschaft dem göttlichen Bereich nähern, aus dem sie kommt. Sie wandert aber durch mehrere Leben, um dieses Ziel zu erreichen.

Kosmos und Menschenwelt werden durch die göttliche Ordnung geprägt. Diese zeigt sich uns Menschen in der Ordnung der Musik (Harmonia), der Mathematik, des Kosmos und des Staates. In der Theorie (Theria) schauen die Menschen die göttliche Ordnung, so wie in den Kulten die Mysten den sterbenden und auferstehenden Gott schauen. Wer die göttliche Ordnung erfasst, wird dem Göttlichen ähnlich. Diese Ordnung aber drückt sich in Zahlen aus, sie regeln unser ganzes Leben; denn in ihnen verkörpert sich die Ordnung der gesamten Wirklichkeit.

In der Musik lässt sich die Ordnung der Töne durch Zahlenverhältnisse ausdrücken, sie hängt von der Länge der schwingenden Saiten ab. Wie in der Musik so lässt sich auch das Wesen der gesamten Wirklichkeit durch die Zahlenverhältnisse darstellen. Begrenztes und Unbegrenztes sind die Anfänge (Achaia) aller Dinge. Damit gilt die Zahl, als die Wesensform aller Dinge, die Mathematik wird zur primären Methode für die Erforschung der Wirklichkeit. Die natürlichen Zahlen werden in gerade und ungerade eingeteilt; allgemein werden als Konfigurationen von Punkten innerhalb geometrischer Schemata aufgefasst. Die gesamte Wirklichkeit folgt den Strukturen der Vernunft, sie ist folglich durch die Zahlenverhältnisse darstellbar.

Nach der Lehre der Pythagoräer brennt im Mittelpunkt des Weltsystems ein Zentralfeuer (pyrmeson), das nicht die Sonne ist. Die Erde hat die Gestalt einer Kugel und dieselbe Beschaffenheit wie der Mond. Die mathematische Ordnung ist das Wesen der Wirklichkeit, die mathematischen Einheiten sind ihre Bausteine. Das Werden der Welt lässt sich als das Werden der Zahlen verstehen. Die mathematischen Einheiten kommen aus einer kosmischen Einheit. Alles Einzelne muss sich der universalen Ordnung der Wirklichkeit unterwerfen; dies gilt auch für das Leben der Menschen.

Die Harmonie der Ordnung muss auch im menschlichen Handeln verwirklicht werden. Hinter der kosmischen Ordnung verbirgt sich ein göttlicher Wille bzw. eine göttliche Weltregierung. Überhaupt hat die universale Ordnung göttlichen Charakter, denn das Göttliche ist für uns Menschen immer das Größere, das Stärkere und das Lichtvolle. Die pythagoräischen Bünde folgten einer hierarchischen Ordnung mit einer aristokratischen Verfassung, das Verhalten der Mitglieder wurde streng kontrolliert. Auf diese Weise musste „dem Recht beigestanden“ und das Unrecht bekämpft werden.

Auch das Wesen der menschlichen Tugend ist durch Zahlen darstellbar. Denn die Seele und der Verstand sind Eigenschaften von Zahlen, die einzelnen Teile der Seele sind in einer Harmonie. Die Tugend wird dann gelebt, wenn sich die menschliche Seele der Harmonie der Gesamtwirklichkeit einfügt. Die Seele nähert sich dem Göttlichen, wenn sie die Tugend verwirklicht und sich vom Bösen fernhält. Alles Lebendige ist miteinander verwandt. Die Gesundheit des Körpers wird von den Ärzten (z. B. Alkmaion) als Gleichberechtigung (Isonomia) der gegensätzliche Kräfte verstehen.

Das Organ des menschlichen Denkens wird im Gehirn angenommen. Die Sinnesorgane übertragen die Reize der Außenwelt zum Gehirn, dabei verändert sich der Druck auf die einzelnen Sinne. Es wird bereits zwischen dem Wahrnehmen (aisthanesthai) und dem Verstehen (xynienai) unterschieden. In dieser frühen Denkerschule entfalten sich die mathematische und die naturwissenschaftliche Forschung im Kontext einer großen religiösen und ethischen Lebensordnung. Der weise Mensch muss sich in die kosmische Ordnung einfügen.

So hat die Schule der Pythagoräer die antike Wissenschaft entscheidend geprägt, ihre Wirkungen sind bis in die europäische Neuzeit hinein zu erkennen. Im 4. Jahrh. v. Chr. hat sich diese Schule aufgelöst, doch 200 Jahre später wurde sie als neupythagoräische Schule wieder gegründet (Apollinios vom Tyana, Nikomachos von Gerasa). Sie prägte das Denken der Spätantike und des frühen Christentums. Eine asketische Lebensordnung wurde mit dem Streben nach Wissen und nach kosmischer Harmonie verbunden.

(Quelle: Anton Grabner-Haider; „Die wichtigsten Philosophen“, 2006)