Maskierungen von Schamgefühlen

Ein oft vernachlässigtes Gefühl bei psychischen Erkrankungen ist die Scham. Die Scham ist ein wichtiges Gefühl bei psychischen Erfahrungen, welches oft in seiner Bedeutung verkannt wird. Die Scham versucht viele seelisch verletzende Ereignisse ungeschehen zu machen, und dadurch diese Ereignisse weiterwirken lässt. Lebensereignisse die nicht als „sein sollen dürfen“ gelernt werden, werden mit Hilfe der Scham überdeckt und nicht spürbar gemacht.

Häufig ist es aber auch genau anders herum, dass Schamgefühle durch sogenannte „Deckaffekte“ (abdeckende Gefühle) abgewehrt werden. Zu nennen ist hier die „Verachtung“, die als Reaktionsbildung gegenüber eines erniedrigenden Ereignisses eingesetzt wird. So ist mitunter bei Arbeitskollegen festzustellen, dass von einem Kollegen gegenüber einem anderen Kollegen herabwürdigende oder hämische Bemerkungen gemacht werden, nachdem dieser von seinem Chef, oder Ehepartner getadelt oder herabgesetzt wurde. Wenn der Mensch zum Ding entwertet und seines Selbstzwecks beraubt wird, so ist das äußerste Verachtung.

Weiter findet man Charakterhaltungen wie zum Beispiel überzogenes Männlichkeitsgebaren. Diese Haltung soll aus psychoanalytischer Sicht eine tiefe Kastrationsangst und Scham über mangelnde Maskulinität abwehren. So genanntes Macho-Gebaren ist oft eine Fassade für Scham, die eine Abwehr für Affekte darstellt. Selbstvertrauen und Sicherheit dient häufig  als Gegengewicht gegen ein nagendes Gefühl der Wertlosigkeit. Nicht selten sieht man Männer, die durch ein selbstsicheres und lärmendes aufgeblasenes Verhalten lebenslange Scham zu verbergen suchen.

Außer Arroganz und verachtung, die Ängste vor Spott überdecken sollen, gibt es noch andere Möglichkeiten der Affektabwehr. In diesem Sinne ist der Trotz zu erwähnen, der wie der Spott eine Affektumkehrung darstellt. Anstatt von Angst gelähmt zu sein, wird sich mit Trotz und frechem Aufbegehren der bedrohlich erscheinenden Umwelt gegenübergestellt. Trotz wird als Mittel eingesetzt, um die anderen Menschen in seiner Umgebung zu wahren, um nicht von ihnen gebeugt und vergogen zu werden.

Eine ähnliche Form der Affektabwehr stellt der Jähzorn dar, der mit Hilfe der Projektion (Übertragung) einen Angriff auf andere, die eigene Scham überdecken soll. Weitere Fprmen der Affektabwehr von Scham stellen Erstarrung (Alexithymie – Gefühlsblindheit), Langeweile, Neid und die Liebe dar. Die Langweile ist eine Abwehr von Trieben, erlebte Gefühle dürfen nicht gefühlt werden. Neid hingegen ist die Affektabwehr gegen Scham. Neid ist ein chronischer Hunger und ein tief verwurzeltes Gefühl des Ungeliebtseins.

Michael Drews 2010

Literatur:

Wurmser, Leon: „Die Maske der Scham“, Klotz Verlag, Eschborn 2010