Machtmenschen in der Kirche

Wie ich bereits auf der Seite „über mich“ geschrieben habe, bin ich in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) groß geworden und auch von dieser Lehre in meinem Denken und Handeln stark beeinflusst. Diese Kirche ist, wie auch alle anderen mir bekannten Kirchen, patriarchalisch-hierarchisch organisiert. Da die Ämter innerhalb der Kirche alle ehrenamtlich ausgeführt werden, wird die anstehende Arbeit auf viele Schultern verteilt. Das heißt, dass jedes Mitglieder dazu aufgefordert ist, „am Werk des Herrn“, mitzuwirken. Dieses geschieht insofern, dass die Mitglieder nach Anlage, Würdigkeit und Zugehörigkeit der Kirche in die Organisation und deren Ablauf aufgefordert werden sich zu engagieren. Selbstverständlich muss das einzelne Mitglied das neben den „weltlichen“ (Beruf) und Familiären Aufgaben erfüllen.

So erlebte ich schon als Kind Menschen, Priestertumsträger, die sich in ihren „Berufungen“ innerhalb der Kirche eifriger hervortaten als andere. Das wird dann verkleidet unter dem Deckmantel, „die Berufung groß werden lassen“. So kann häufig ein latenter Konkurrenzkampf unter den Mitgliedern, vornehmlich männlich, herrschen. Da krassierte in vielen Gemeinden anscheinend die Annahme, wer das scheinbar wichtigere Amt inne habe sei von „Gott als besonders wichtig und würdig“ empfunden. Diese Annahme wird verstärkt, durch die Vorstellung, dass der Bischof durch Eingabe vom Heilgen Geist den Willen Gottes zur Besetzung der Ämter durch würdige Mitglieder eingegeben bekam. 

Wo Menschen beieinander sind, entsteht leider oft eine Machtfrage. Das gilt innerhalb der Kirche und des gesamten Christentums genauso wie in der „Welt“ ausserhalb der Kirche. Aber es gibt sehr schlimme Formen des Machtmißbrauchs in christlichen Gemeinden, Kreisen und auch Familien. So musste ich als Kind einen Priestertumsträger erleben, der mich regelmäßig immer wieder Sonntags in der Priestertumsklasse vor den anderen männlichen Kindern und Jugendlichen verunglimpfte, in dem er mich vor allen Anwesenden bloßstellte, herabsetzte, erniedrigte, ins Lächerliche zog und vieles mehr, bis ich jedesmal in Tränen ausbrach und vor versammelter Klasse endlos weinte. Dann hatte ich immer den Eindruck ein freudiges Leuchten in den Augen des von Gott berufenen Priestertumsträgers zu sehen. Das geschah natürlich alles zu meinem Besten und alles im Namen Gottes, da dieser Priestertumsträger schließlich von Gott berufen sei.

In einem der Lehrbücher (Heilige Schriften) der Kirche Jesu Christi, namens Lehre und Bündnisse, finden wir eindeutig den Umgang mit der sogenannten „Priesetertumsvollmacht“ beschrieben, und was von solchen Mitgliedern zu halten ist, die ihre „Priestertumsvollmacht“ mißbrauchen. Allzu oft wird dieses Phänomen von Mitgliedern der Kirche bagatellisiert, mit dem Satz, jeder Mensch sei von solchen Bestrebungen hin und wieder befallen und von daher menschlich. Mir ist aber auch schon der Satz zu Ohren gekommen, „man müsse auch mal vergeben lernen“. Solch Sätze sind dann jedesmal zusätzliche Ohrfeigen, wenn sich das Erlebte über viele Jahre summiert, und als Trauma entwickelt hat.

Leider werden die Opfer von Machtmenschen nur selten ernst genommen, und bei Protest wird diesen dann noch ein schlechtes Gewissen eingeredet, dass sie mehr Ehrfurcht vor den Dienern Gottes einnehmen müssten. Im 2. Korintherbrief 11:20 finden wir genau dieses Phänomen beschrieben, was mir heute zeigt, dass ich mit dem als Kind erlebten nicht allein bin, aber dieses Wissen mir auch nicht viel nützt. So erlebte leider auch ich, dass ich mit meinen zaghaft ängstlichen Versuchen des Protestes auf eine Mauer des Schweigens stieß. Meine Eltern, als tief gläubige Mitglieder, versuchten mir zwar beizustehen, indem sie für mich Partei ergiffen und diesen Priestertumsträger zur Rede stellten, aber bei diesem Menschen nur auf Gleichgültigkeit und Ignoranz stießen. Sie sahen schließlich nur zwei Möglichkeiten, das alles so mit zu machen, oder nicht mehr zur Kirche zu gehen. Da meine Eltern wie gesagt tief gläubig waren, entschieden sie sich für das erste und machten vieles mit.

Machtmenschen haben den unbändigen Drang, die Herzen  und Gedanken anderer Menschen zu lenken. Chrisliche Gemeinden und Kreise sind Bereiche, wo sie diesem Bedürfnis meist ungehindert nachgehen können. Gerade in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind solchen Menschen die Tore weit geöffnet und die Möglichkeiten sich in irgendeiner Weise besonders hervorzutun sind dort mehr gegeben, als bei den Katholiken oder Protestanten. Denn Letztere haben ihren Bischof oder Pastor und dieser ist für das Wohlergehen seiner Gemeindemitglieder zuständig und sonst keiner. Auch ist der Machtmißbrauch in diesen Kirchen nicht so breit gestreut, wie in der Kirche Jesu Christi, da nur wenige Personen Ämter mit sogenannten Vollmachten inne haben.

Das dieser damalige Priestertumsträger von seinem offensichtlich falschen Handeln und deren Folgen nichts wusste, aber was ich sehr stark bezweifle. Denn es kann geschehen, daß sich der Machtmensch so lange dem Machtrausch hingibt, bis dieser die Steuerung seiner gesamten Persönlichkeit übernimmt. Dann besteht die Gefahr, daß es zum geistigen Tod kommt. Das bedeutet, dass dieser Priestertumsträger zunächst bewusst handelt und später wie ein Süchtiger gar nicht mehr anders kann, denn er ist nicht mehr Herr seiner Sinne. Solch ein Mensch hat natürlich auch keine Verbindung zu Gott. Dieser arme Mensch ist höchstens von irgendeinem irdischen Geist gefangen und besessen.

Machtmenschen müssen immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Sie lieben Situationen, in denen ihre Umwelt über sie redet. Sie genießen es, wenn die Leute die Köpfe zusammenstecken oder in den Ecken über sie tuscheln. Es macht ihnen wenig aus, ob gut oder schlecht über sie geredet wird, solange sie das allgemeine Interesse auf sich konzentrieren können. Machtmenschen verkündigen jedoch nie die Gnade Gottes, selbst wenn sie sich noch so sehr auf die Bibel berufen. Sie sind Tag und Nacht damit beschäftigt, die moralische Vervollkommnung anderer voranzutreiben. Ihre Enthüllungen sind grausam; aber sie haben immer ein „gutes Gewissen“, während sie gnadenlos andere angreifen. „Die größte Freude des Moralisten besteht darin, daß er guten Gewissens grausam ist“, behauptete Bertrand Russel.

Besonders schlimm finde ich diesen Mißbrauch von Macht, wie ich ihn kurz beschrieben habe, wenn er auf Menschen trifft die sich nicht wehren können. Geschieht das über Jahre hinweg und kommen dann noch andere einschneidende Lebensereignisse hinzu, kann dieser Machtmißbrauch bei den Opfern mit einer vulnerablen Disposition zu Traumata führen, die in eine Suchterkrankung und anderen psychischen Erkrankungen münden können. Selbstverständlich sind diese vor Gott rehabilitiert und brauchen sich keine Gedanken über irgendeine Sühne zu machen, so wie in meinem Fall. Denn, Indoktrination in frühester Kindheit ist sehr wirkungsvoll, weil in jungen Jahren die Denkmuster erlernt werden, die der Mensch später benutzt. Dies erklärt auch, warum Menschen meist bei der Religion ihrer Kindheit bleiben und warum es nur selten zu Konversionen kommt.

Literatur:

Edin Loevas; „Wölfe in Schafspelzen – Machtmenschen in der Gemeinde“, 1996, Brendow Verlag, Moers

Elke Endraß/Siegfried Kratzer; „Wenn Glaube krank macht“, 2005, Kreuz Verlag, Stuttgart

Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage; „Lehre und Bündnisse“, 2003, Frankfurt