Das Christentum

In der Philosophie vollzog sich damals unter dem Einfluss des griechischen Geistes eine Wende zum Persönlichen, zu einer Philosophie des Lebens. Sie verband sich mit neuen Formen des Nachdenkens über das Göttliche. Man knüpfte wieder an Platon, an Aristoteles an. Gottheiten des Orients fanden bei der Bevölkerung des Römischen Reichs verstärkten Zulauf. Die orientalischen Götter machten gleichermaßen den altrömischen Naturgöttern wie den Göttern und Göttinnen des Olymps Konkurrenz. Ihre Namen waren Mithras, Magna Mater (Kybele), Isis und Sarapis, Demeter und andere. Der römische Staat sah wohl, dass der Zulauf zu den Mysterienreligionen einen Vertrauensschwund zu den althergebrachten Traditionen signalisierte, behielt indes seine Politik der religiösen Toleranz bei. Kultpraxis und Frömmigkeit der Mysterienreligionen beeinflussten das Christentum. In ihnen bildeten sich religiöse Strukturen, die veränderte Inhalte aufnehmen konnten. 

Trotz der jüdischen Zerstreuung blieb Jerusalem das Zentrum. Das tägliche Gebet aller Juden, wo immer sie auch weilten, wandte sich in die Richtung des Tempels in der Davidsstadt. Ebenso stark war die Bindung an die Jerusalemer Lehrautoritäten. Von Geschlossenheit des Judentums konnte dennoch keine Rede sein. Es gab religiöse Richtungskämpfe zwischen den nichtpriesterlichen Schriftgelehrten, den Pharisäern, und den tragenden Kräften des palästinensischen Tempelstaates, den Sadduzäern. 

Nochmals andere Akzente setzte das hellenistische Judentum durch seinen bedeutendsten Prediger und Lehrer, Philo von Alexandria. Ein wiederum anderes religiöses Klima herrschte in Qumran. Die Qumrangemeinde nannte sich u.a. „die Umkehrenden Israels“. Hervorgegangen war ihre Siedlung am Toten Meer wahrscheinlich aus der Aufspaltung der Chassidim („Frommen“) im zweiten Jahrhundert v. Chr.. Zwischen dem „Lehrer der Gerechtigkeit“, der in den Schriften von Qumran immer wieder erwähnt wird, und Jesus Christus, soll es nach Forschungsmeinung eine geistige Verwandtschaft geben. Die christliche Zeitenwende fand innerhalb eines höchst vielgestaltigen Judentums statt. In ihm gab es den strengsten Eifer für das Gesetz der Väter ebenso wie den liberalen Umgang mit der Tora. Das religiöse Exklusvitätsbewusstsein mancher jüdischer Kreise stand in Spannung zu der Überzeugung hellenistischer Juden von der weltweiten Sendung Israels unter dem Vorzeichen eines philosophisch geläuterten Gottesglaubens. All das waren Formen religiöser Daseinsorientierung in bewegter Zeit.

Jesus von Nazareth

Ausgangs- und Mittelpunkt des Christentums ist der Jude Jesus. Sichere biografische Informationen über ihn sind kaum zu finden. Zwar haben wir als Quelle die Evangelien. Diese sind jedoch keine historischen Berichte, sondern gläubig geschriebene Texte, die Jesus als den von Gott gesandten Erlöser verkünden. Außerhalb des Neuen Testaments enthalten Informationen über Jesus: gnosisnahe Quellen, gnostische Dialogevangelien, juden-christliche Evangelien und nichtchristliche Autoren. Zu beachten sind die Hinweise bei nichtchristlichen Schriftstellern wie Tacitus (55/56 – ca. 120), Sueton (70 – um 140), Plinius dem Jüngeren (61 – ca. 120) und die Schriften des Historikers Thalus, der die Kreuzigung Jesu erwähnt. Im Sarapion-Brief, der von dem syrischen Philosophen Mara Bar Sarapion verfasst wurde, ist vom „weisen König der Juden“ zu lesen.

Der jüdische Historiker Flavius Josephus (37/38 – nach 100) erwähnt in seinem „Jüdischen Altertümern“ (um 93) jemanden, „der Christus genannt wird“. Offensichtlich gibt es keine einzige rabbinische Jesus-Erwähnung bis zum Anfang des dritten Jahrhunderts. Die Erwähnungen Jesu im Talmud haben keinen historischen Wert. Eine größere Bedeutung wird heutzutage den Aussagen des Korans über Jesus zugesprochen. Das Bild vom Propheten Issa (Jesus) im Koran hat alte, judenchristliche Züge bewahrt und führt sehr nah an den historischen Jesus heran. Fest steht: Jesus hat wirklich gelebt. Bevor Matthäus (vermutlich um 80 n. Chr.) und Lukas (etwa 90 n. Chr.) Jesu Geburt und Kindheit beschreiben, entwerfen sie seinen Stammbaum. Er schließt Abraham und David ein und stellt damit also eine unmittelbare Verbindung zur Geschichte des Volkes Israel her. Matthäus berichtet als einziger Evangelist von der Flucht nach Ägypten. 

Als Geburtsort Jesu wird teils Bethlehem, teils Nazareth genannt, wahrscheinlicher ist jedoch Nazareth. Jesus wurde zwischen 8 und 4 v. Chr. geboren. Sein Name ist die griechische bzw. lateinische Form des hebräischen Namens Jeschua oder Joschua („Jahwe/Gott ist die Rettung“). Seine Eltern hießen Maria (Hebräisch Mirjam) und Josef. Jesus hatte mehrere Brüder und Schwestern. Wie die meisten Orientalen dürfte der Aramäisch sprechende Jesus, der lesen und schreiben konnte, dunkle Augen gehabt haben und dunkelhaarig gewesen sein. Schon als Jugendlicher arbeitete er als Bauhandwerker. Intensiv beschäftigte er sich mit der Hebräischen Bibel. Die Evangelisten schildern ihn als eine beeindruckende Persönlichkeit mit großer Ausstrahlung.

Aus den Evangelien erfahren wir, dass sich Jesus der Bewegung Johannes des Täufers anschloss. Dieser wortgewaltige Mann predigte den breiten Massen, meist Armen und Unterpriviligierten, das Hereinbrechen des Gerichts und die Ankunft einer neuen Weltzeit. Jesus, der nie selbst taufte, ließ sich von Johannes vermutlich 27 oder 28 n. Chr. taufen. Schon bald löste sich Jesus von der Täuferbewegung und wirkte zunächst in Galiläa, später in Jerusalem. Das Volk verehrte ihn als Rabbi, als „Meister“ und „Lehrer“.

Jesu Botschaft

Jesus verkündete die Botschaft von Gottes Himmelreich – eine Botschaft, die gerne aufgenommen wurde, denn damals wünschten sich viele Menschen das Gottesreich sehnsüchtig herbei. Man wartete auf einen alle Feinde besiegenden König. Bei Jesus jedoch stand das Verhalten der Menschen selbst im Mittelpunkt. Wenn er vom Gottesreich erzählte, benutzte er knappe Sentenzen und Bildworte. In paradoxen Wendungen machte Jesus die widersprüchliche Situation anschaulich, die dadurch entsteht, dass die Gottesherrschaft auf Menschen in ihrer Alltagswelt trifft. Ist es nicht sinnlos, wenn jemand eine Lampe unter einem Eimer versteckt, statt sie anzuzünden? Genau so sinnlos ist das Verhalten der Menschen, die alles erleuchtende Gottesherrschaft durch ihr Verhalten unsichtbar zu machen. Jesus sprach von seinem „himmlischen Vater“, der die Sünder sucht, so wie ein Schäfer einem verlorenen Schaf nachläuft. Gottes Willen wird erfüllt, indem man sich um die Armen kümmert. So wie Gott alle Menschen liebt, soll der Mensch seine Mitmenschen lieben – sogar seine Feinde. 

In den Synagogen trat Jesus als Lehrer auf. Ersuchte sich seine „Jünger“ aus. Das in der Häbräischen Bibel erwähnte „Volk Israel“ verstand sich als ein „Bund“, als Zusammenschluss von zwölf Stämmen. Durch Krieg und Exil war dieser Bund zerstört worden. Bei den Juden war daher die Hoffnung lebendig, dass Israel als zwölfstämmenbund in einem zukünftigen Gottesreich wiederhergestellt würde. Die zwölf Jünger Jesu verweisen auf  diesen Stämmebund, in dem sie als Vertreter des neuen Gottesvolkes zusammen mit Jesus über die zwölf Stämme regieren. Die zwölf Jünger wurden auch als Apostel bezeichnet und bildeten den engeren Kreis um Jesus.

Zum weiteren Kreis gehörten auch Frauen. In der damaligen Kultur mit ihrer patriarchalisch geprägten Gesellschaft war das ungewöhnlich, vielleicht sogar revolutionär. Zu den Jesusjüngerinnen gehörten „Maria aus Magdala, Maria, die Mutter Jakobus´des Kleinen und des Joses, und Salome. Außerdem Johanna, die Frau des Chusa, eines Verwalters des Herodes, und Susanna. Maria aus Magdala hat wohl die wichtigste Rolle in der Jesusbewegung gespielt. Sie war mit Maria und Salome Zeugin der Kreuzigung Jesu und begegnete später dem Auferstandenen. Vor allem kümmerte sich Jesus um die ausgestossenen, von anderen gemiedenen Zeitzeugen, die Randgruppen: Arme, Verachtete, Kranke und Hilfsbedürftige, Zöllner, Prostituierte. Oft setzte er sich sogar mit den „Sündern“ an einen Tisch. 

Die Zöllner waren zwar Juden, doch wegen ihrer Unehrlichkeit und ihrer Bindung an die volksfremde römische Besatzungsmacht verhasst. Man rechnete sie daher nicht zur jüdischen Gemeinde und vermied den Kontakt mit ihnen. Sünder waren diejenigen, die den „Gerechten“ gegenüberstanden, die nicht ernsthaft die Tora-Vorschriften befolgten. Jesus legte dagegen größeren Wert auf die innere Einstellung als auf die strikte Beachtung der Gebote und Rituale. Damit eckte er bei den Pharisäern und Schriftgelehrten an. Sie warfen ihm vor, die Autorität der Tora zu untergraben. Auch sein offener Umgang mit Prostituierten, Witwen und menstruierenden Frauen führte dazu, dass ihn die Pharisäer ablehnten.

Die Kreuzigung und Vergöttlichung Jesu Christi

Jesu letzte Reise nach Jerusalem zum Pesachfest endete mit seinem tod durch Kreuzigung wohl am 07. April des Jahres 30. Die Forscher vertreten verschiedene Auffassungen darüber, warum die jüdischen Gegner Jesu (nicht die Juden) eine Anklage vorbereiteten, ihn verhörten und meinten, ihn zum Tode verurteilen zu müssen. Wahrscheinlich bezogen sich die Anschuldigungen nicht auf einen einzelnen Tatbestand. Die Angaben bei Markus (14:55) u.a. unterstellen, dass die oberen jüdischen Instanzen die Blutgerichtsbarkeit ausüben durften. Dies war nicht der Fall. Nur die Römer besaßen dieses Recht. Es konnte sich daher nur um die Vorbereitung zur Anklage handeln. Üblich war es, dass der römische Statthalter Pontius Pilatus zu großen jüdischen Festen aus seiner Residenz Caesarea nach Jerusalem reiste. Dabei regelte er in seinem Palast in der Weststadt von Jerusalem auch Rechtsangelegenheiten. DieTatsache, dass Jesus von Pilatus zum Tod durch Kreuzigung verurteilt wurde, lässt darauf schließen, dass man ihn als politischen Aufrührer betrachtete. Jesus war nur etwa ein bis zwei Jahre öffentlich in Erscheinung getreten. 

Die Hinrichtung Jesu bedeutete jedoch nicht das Ende seines Wirkens. Die Historiker stehen vor einem bemerkenswerten Phänomen: Kurz nach der Kreuzigung verkündeten die Jünger, dass Jesus lebe, dass er von Gott auferweckt und erhöht worden wäre. Nach den Erzählungen der Evangelien zeigte sich Jesus am Ostertag mehreren Anhängern. Die ersten Christen verliehen Jesus den griechischen Ehrentitel Christus (Gesalbter). Dieser Würdename ist eine Übersetzung des hebräischen „Messias“. Jesus Christus ist daher die Kurzform einer Glaubensaussage: „Jesus ist der Messias“, der König eines kommenden friedvollen und gerechten Gottesreiches auf Erden. Juden warten seit jeher auf seine Ankunft, für Christen ist der Messias dagegen in Jesus aus Nazareth erschienen.

Die zentrale Aussage des Christentums lautet: „Gott hat Jesus auferweckt. Dessen Tod und Auferstehung erlösen alle Menschen von der Sünde.“ In der Bibel bedeutet Erlösung „frei machen“. Christen glauben, dass sich alle Menschen in einer Unheilsituation befinden, der so genannten Sünde. Aus ihr können sie sich nicht selbst befreien und brauchen Hilfe von außen. Jesus Christus habe für sei sein Leben geopfert. Christen übertragen die Vorstellung des „Sündenbocks“ auf Jesus Christus, denn im alten Israel belud man den „Sündenbock“ symbolisch mit den Sünden des Volkes. In die Wüste geschickt, starb das Tier – die Juden hielten sich dadurch für gereinigt.

Ausbreitung und Aufstieg des Christentums

Die Ausbreitung des neuen Glaubens ist die Geschichte der Christianisierung der antiken Welt. Umgekehrt ist sie die Geschichte der Hellenisierung und Romanisierung des Christentums. Sprachgeographisch und kulturgeschichtlich wurde die neue Religion durch den Dualismus der griechischen und lateinischen Reichshälfte mitgeprägt, außerdem durch den syrischen Sprachkreis. Die Schriften des Neuen Testaments sind alle in Koine´abgefasst. Der erste bedeutende Kirchenschriftsteller lateinischer Sprache war Tertullian von Karthago (+ nach 220), als Stilist glänzend, als Theologe begriffsbildend und als Christ von glühendem Eifer beseelt – einem Eifer, der ihn aus der Bahn des regulären Kirchenchristentums hinaustrug. Zunächst galt das Christentum nur als kleine jüdische Sekte. Die Jünger Jesu wurden teilweise hingerichtet oder flohen ins Unbekannte. Aber dieses führte trotz alledem nicht zum Vergessen der Botschaft Jesu Christi.

Die Zeit der Apostel Paulus und Petrus

Paulus (um 3 v. Chr. – 67 n. Chr.) ist der einflussreichste urchristliche Völkerapostel. Der in Tarsus aufgewachsene, gemäßigt pharisäisch erzogene, hellenistisch gebildete jüdische Gelehrtenschüler und Christenverfolger wurde nach seiner Christusberufung („Damaskuserlebnis“ um 32/35) zum Heidenmissionar. Er verkündete Jesus, den Messias Israels, als Messias der ganzen Welt. Paulus ist Jesus nie begegnet. Als Nichtrömer besaß Paulus das von seinem Vater ererbte römische Bürgerrecht. Er gründete christliche Gemeinden in der hellenistischen Welt. Auf dem „Apostelkonzil“ (48/49) überzeugte Paulus die übrigen Apostel: Es wäre nicht erforderlich, jüdische Traditionen und Gesetze (Beschneidung, Speisevorschriften) zu erfüllen, um Christ zu sein.

Drei große und äußerst strapaziöse Missionsreisen (ca 7800 km zu Land, 9000 km mit dem schiff) führten Paulus durch Kleinasien und Griechenland. Ob er Spanien erreicht hat, ist ungewiss. Paulus starb als Märtyrer, das heißt als „Blutzeuge“ unter Kaiser Nero (reg. 54 – 68). Theologische Leitthemen des Paulus waren: Gott hat für die Juden und Heiden durch Kreuz und Auferstehung Vergebung erwirkt. An die Stelle des jüdischen Gesetzes tritt das Evangelium Jesu Christi – die frohe Botschaft von der Gnade Gottes. Sie gilt allen, sich für „gerecht“ haltenden Menschen, Juden und Heiden. Durch Jesus Christus weiß Paulus von der grenzenlosen Liebe Gottes. Allein durch den Glauben kann die Vergebung als Gerechtigkeit Gottes ergriffen werden (Rechtfertigung). Für die Reformationskirchen wurde diese Theologie zur Glaubensnorm. Alle Glaubenden und Getauften zusammen bilden die eine Kirche. Paulus lehrte die auferstehung der Toten und hoffte auf die endgültige Erlösung der Welt.

Der Apostel Simon Petrus gehörte zu den ältesten Jüngern Jesu, war Sprecher des Zwölferkreises. Er hat wohl als Erster den auferstandenen Jesu gesehen. Petrus führte die Apostelliste an (Mk 3:16) und war bevorzugter Zeuge von Offenbarungswundern (Mk 9:2-10), bekannte sich als Erster zu Jesus als dem Messias (Mk 8:29). Jesus wollte, dass gerade Petrus in seiner Todesangst beistehen sollte. Doch Petrus schlief ein (Mk 14:32-42), und nach Jesu verhaftung leugnete er, Jesus überhaupt zu kennen. Jesus verlieh Petrus den Würdetitel Kephas (aramäisch „edler Stein“, „Grundstein“). Auf den folgenden Matthäus-Vers werden die Ansprüche des Papstes – als Nachfolger des Petrus – in der Römisch-katholischen Kirche auf seine Führung über die gesamte Kirche zurückgeführt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16:18). Petrus erhielt die „Schlüsselgewalt“, d.h. er hat die Funktion des Hausverwalters. 

Er konnte „binden und lösen“, also Menschen in die Kirche zulassen oder ausschließen. Petrus engagierte sich in der Missionsarbeit und lebte darum nicht mehr die ganze Zeit in Jerusalem. Die Gemeinde wurde von Jakobus, einem Bruder Jesu, geleitet. Die wichtigsten Stationen von Petrus: Antiochia (Aufbau einer Ortskirche aus Juden- und Heidenchristen), Korinth, Rom, Jerusalem, erneut Antiochia und schließlich Rom. In Rom wurde er ungefähr zur selben Zeit wie Paulus unter Nero enthauptet.

Das wachsende Christentum und dessen Lehre

Kaiser Konstantin schuf die Voraussetzungen dafür, dass die langsame, aber vollständige Christianisierung des Reiches beginnen konnte. Die Kirche wurde nun nicht einfach nur eine erlaubte Sekte, sondern begann sich im Staat selbst zu etablieren und sollte eines Tages das Heidentum als traditionelle Religion ersetzen. In den ersten drei Jahrhunderten war das Christentum eine Sekte geblieben. Die systematische Erfassung und Durchdringung der Bevölkerung durch den Klerus sollte die allmähliche Verwandlung der Sekte in eine Kirche bewirken; sie wurde möglich, weil die folgenden Kaiser die Kirche unterstützten sowie steuerlich begünstigten und weil das Christentum selbst zur Religion der Regierung geworden war – eine Regierung, die das Heidentum öffentlich ächtete. Dies geschah mit so großem Erfolg, dass ein Christ im Jahr 400 das Gefühl des baldigen Triumphes haben konnte. Die Autorität des Glaubens verbreitete sich in der ganzen Welt. 

Aber woher erwuchs der neuen Religion ihre Macht über die Geister? Ihre geistig-moralische Überlegenheit über das Heidentum war erdrückend. Allerdings konnte zunächst nur eine religiöse Elite dafür empfänglich sein. In den Jahren, als Konstantin zur Welt kam, war das Christentum die „brennende Frage des Jahrhunderts“ geworden. Jeder, der eine gewisse religiöse und philosophische Sensibilität aufbrachte, setzte sich damit auseinander, und etliche Gebildete waren bereits Christen geworden. Das Motiv der Bekehrung Konstantins ist recht einfach. Denn, wer ein großer Kaiser sein wollte, der benötigte einen großen Gott. Ein riesengroßer, liebender Gott, der für die Menschheit Leidenschaft aufbringen konnte, weckte stärkere Gefühle als die heidnischen götter, die für sich selbst lebten. Und dieser Gott entfaltete einen nicht weniger riesenhaften Plan für das ewige Heil der Menschheit, er mischte sich in das Leben seiner Gläubigen ein, indem er sie auf eine strengere Moral verpflichtete.

In der Auseinandersetzung der Kirche mit den sie umgebenden Religionen und philosophischen Strömungen entwickelte sich die christliche Theologie. Es galt, verbindliche Glaubensrundsätze zu formulieren, um die Einheit der schnell expandierenden Kirche zu sichern. Ein einziges christliches Gottesbild hat es nie gegeben. Alle Epochen der christlichen Religionsgeschichte sind durch neue Formen der Gottes- und Christuserfahrung geprägt. In der christlichen Gotteserfahrung treten charakteristische, aus der jüdischen Tradition stammende Züge von Anfang an hervor. 

Dogmatische Positionen in Bezug auf das Wesen Gottes 

(die Trinitätslehre)

Das Neue Testament kennt noch keine Trinitätslehre. Das Verhältnis von Gott Vater, Sohn und Heikigen Geist wurde im Verlauf der frühen Kirchengeschichte ebenso diskutiert wie die Frage, wie sich die Aussagen über Dreieinigkeit mit dem monotheistischen Glauben an den einen Gott vereinbaren ließen. Die Synode von Nicäa (325) brachte ein erstes Ergebnis: Gegenüber der Behauptung des Presbyters Arius, Jesus sei nicht gottgleich, sondern ein adoptierter Sohn und ein Geschöpf Gottes, betonte das Glaubensbekenntnis („Nicänum“) der Synode: „Gott vom Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesenseins mit dem Vater“.

Die Synode war der Auffassung, dass Jesus die Menschen nur dann erlösen könne, wenn er selbst Gott, und nicht nur ein vergöttlichter Mensch ist. Das Konzil von Konstantinopel erweiterte schließlich die Aussagen von Nicäa unter anderem um das Bekenntnis zur Trinität („Nicäno-Konstantinopolitanum“): Gottes Sein stellt sich in drei Seinsweisen oder Wesenheiten dar: als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Es handelt sich dabei nicht um drei verschiedene Götter, sondern um einen einzigen Gott. Zwischen der Ost- und Westkirche entzündete sich daraufhin ein Streit um die Formulierung, dass der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn ausgeht. Die Worte „und vom Sohn“ wurden in der westlichen Überlieferung in das nicäa-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis eingefügt. Die Ostkirche lehnte dies dagegen ab. 

Die trinitätslehre wird auch in den reformierten Bekenntnissen als Fundament christlicher Wahrheit vorausgesetzt. Die anti-trinitarische Bewegung der Sozinianer, die sich nach ihrem bedeutendsten Vertreter Fausto Sozzini benannte, führte im 16./17. Jahrhundert zur Gründung unitarischer Gemeinden. Im Bereich des freisinnigen Protestantismus gibt es Theologen, die der nicht auf Jesus zurückgehenden und im Neuen Testament nicht ausdrücklich genannten Trinitätslehre keine Verbindlichkeit beimessen: „Man braucht sie also nicht zu akzeptieren, um Christ zu sein“.

Entstehung und Aufbau der Bibel

Für Christen ist die Bibel das „Buch der Bücher“. Heute liegen Bübelübersetzungen in 422 Sprachen, mit Teilübersetzungen sogar in 2377 Sprachen vor. Eine deutsche „Bibel in gerechter Sprache“ wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2006 vorgestellt. Diese berücksichtigt die feministische Theologie, die Befreiungstheologie und den christlich-jüdischen Dialog. Der Begriff Bibel stammt von dem griechischen Plural biblia (von biblion „Buchrolle, Schrift, Brief, Dokument“). Er wurde von dem Griechisch schreibenden jüdischen Schriftsteller Flavius Josephus (37/38 bis nach 100) für die Tora wie auch für die Sammlung aller Heiligen Schriften benutzt. Seit dem 4. Jahrhundert bezeichnet er die aus den beiden Testamenten bestehende Bibel. 

Die Heilige Schrift des Christentums setzt sich aus dem (von Christen sogenannten) „Alten Testament“ – für Juden die Hebräische Bibel (Tenach) – und dem „Neuen Testament“ (Sammelbegriff aus dem 3. Jahrhundert) zusammen. Der lateinische Begriff „Testamentum“ entspricht dem griechischen Begriff „Diatheke“. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta) wird mit diesem Begriff das hebräische b´rit (Bund) wiedergegeben.

Die Bibel ist nicht nur ein einzelnes Buch, sondern eine ganze Bibliothek. Ihr Entstehungszeitraum umfasst über 800 Jahre. Die Entstehungszeit der neutestamentlichen Schriften reicht vom 1. Thessalonilischen Schriften reicht vom 1. Thessalonicherbrief des Paulus (kurz vor 50 n. Chr. ) bis zum 2. Petrusbrief (130 n. Chr.). Lange Zeit blieb der Umfang des neutestamentlichen Kanons fließend. Während dem Urchristentum die Hebräische Bibel vorgegeben war, ist erst um ca. 200 n. Chr. ein neutetamentlicher Kanon entstanden. Er hat einen Grundbestand von niedrig gerechnet 21 Schriften. Die heute gültigen 27 Schriften wurden zuerst von Bischof Athanasius von Alexandria 367 in einem Osterfestbrief verzeichnet. Er erwähnt auch als Erster den Begriff Kanon. Eine weitere Liste, die auch die Schriften Israels enthält, stammt von einer Synode in Rom (382). Mehrere spätere Synoden schlossen sich dieser Entscheidung an.

Das Alte Testament

Das aus 39 Büchern bestehende Alte Testament ist zum größten Teil auf Hebräisch verfasst. Beginnend mit der Schöpfungsgeschichte, der sintflut, dem Bund Gottes mit Abraham und seinen Nachkommen, werden Geschichte und Schicksal des Volkes Israel nach dem Auszug aus Ägypten erzählt. Bei der Einteilung, Zählung und Benennung der Schriften gibt es zum Teil erhebliche Unterschiede sowohl gegenüber dem Judentum geltenden hebräischen Text des Alten Testaments als auch gegenüber den alten griechischen und lateinischen Übersetzungen.
Die Lutherbibel teilt folgendermaßen ein:

1. die Geschichtsbücher, die bis zur Landnahme der 12 Stämme in Palästina führen (die 5 Bücher Mose). Das Judentum fasst sie unter dem Begriff Tora zusammen.

2. die Bücher der Geschichte im verheißenen Land selbst, beginnend mit der Einnahme Jerichos durch Josua (u.a. die Zeit der Könige Saul, David und Salomo).

3. die Lehrbücher, auch poetische Bücher genannt, Hiob, Psalmen, Sprichwörter, Kohelet und das Hohelied.

4. die prophetischen Bücher: Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Daniel, Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja und Maleachi. Die Bücher Hosea bis Maleachi werden auch unter der Bezeichnung „12 kleine Propheten“ zusammengefasst.

Die sogenannten Spätschriften (Apokryphen), d.h. Ergänzungen und Zusätze zum Alten Testament, sind nur in der griechischen Übersetzung überliefert und gehören nicht zum Bibelkanon, sind aber in manchen katholischen Bibeln abgedruckt.

Das Neue Testament

Am Anfang des Neuen Testaments stehen die vier Evangelien und die vom Autor des Lukasevangelium verfasste Apostelgeschichte. Es sind erzählende Geschichtsdarstellung vom Leben und Wirken Jesu von Nazareth bis zur Missionstätigkeit des Apostels Paulus. 

Die Verfasser der Evangelien (griechisch „Frohe Botschaft“), die Evangelisten, wollten keine historischen Berichte verfassen.  Ihre Schriften sind bereits nachösterliche Verkündigung, gläubig geschriebene Predigttexte, die den historischen Jesus als von Gott gesandten Erlöser verkündigen. Daher muss zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus der Glaubens“ unterschieden werden, auch wenn beide Ebenen schwer zu trennen sind. Aus der ursprünglichen Bedeutung „Frohe Botschaft“ entwickelte sich der Begriff Evangelium zu einem Ausdruck für eine Textsorte. Die ersten fünf neutestamentlichen Geschichtswerke wurden ungefähr zwischen 70 und 100 n. Chr. geschrieben (Matthäus um 80 n. Chr.; Markus um 70; Lukas um 85; Johannes um 100; Apostelgeschichte des Lukas um 85/95). Sie haben mündlich weitergegebene Überlieferungen in sich aufgenommen.

Man bezeichnet die Evangelien des Matthäus, Markus und Lukas als „synoptische“ Evangelien, weil sie einen sehr ähnlichen Aufbau haben. Vermutlich lag den Evangelien des Matthäus und Lukas das Markusevangelium und eine so genannte Logienquelle zugrunde. Ob es sich bei ihr allerdings überhaupt um eine schriftliche Quelle handelte, ist unsicher. Sie enthält hauptsächlich Jesus-Worte (Logien), aber kaum Erzählungen. Außerdem unterscheidet die neutestamentliche Forschung so genanntes „Sondergut“ (zum Beispiel Kindheitsgeschichten bei Matthäus und Lukas), das in keinem anderen Evangelium erwähnt wird. Nach der in der neutestamentlichen Wissenschaft weitgehend anerkannten „Zweiquellentheorie“ wäre Q die zweite Quelle für das Matthäus und Lukasevangelium.

Der zweite Hauptteil des Neuen Testaments – umfangmäßig mehr als die Hälfte der ersten fünf Erzählbücher – besteht aus Briefen. Zwei Drittel von ihnen machen das so genannte Corpus Paulinum aus, die Briefe des Paulus. Nur sechs dieser Briefe werden von der Forschung als unzweifelhaft echte Paulusbriefe anerkannt. Diese Briefe zeigen die Korrespondenz des Paulus mit einigen der von ihm in Kleinasien (Türkei) und Griechenland gegründeten Gemeinden. Dies gilt nicht für den Römerbrief, da in Rom schon eine Gemeinde bestand. Die echten Paulusbriefe sind: Brief an die Römer; 1. und 2. Brief an die Korinther; Brief an die Galater; Brief an die Philipper; 1. Brief an die Thessalonicher; Brief an Philemon. Daneben gibt es die unechten, wahrscheinlich von Paulus-Schülern geschriebenen Paulusbriefe. Sie nahmen die Autorität des Apostels in Anspruch, um Probleme zu regeln, die sich in der ersten und zweiten Generation nach ihm ergeben hatten. Es handelt sich um folgende Briefe: 2. Thessalonicher; 1. und 2. Brief an die Kolosser; Brief an die Epheser; 1. und 2. Timotheus-Brief; Brief an Titus. Auf den nicht zu den Paulusbriefen gehörenden Hebräerbrief folgen die sieben Katholischen Briefe: Jakobus; 1. und 2. Brief des Petrus; drei Johannesbriefe sowie der Judasbrief.

Ein Buch ganz eigener Gattung steht am Schluss des Neuen Testaments: die „Apokalypse“ oder die „Offenbarung des Johannes“. Ein prophetisch begabter Autor – nicht mit dem Verfasser des Johannesevangeliums identisch – schildert in sieben Sendschreiben an eben so viele kleinasiatische Gemeinden seine Visionen, in denen er das nahe erwartete Ende der Weltgeschichte beschreibt.

Die Vielfalt christlicher Kirchen

 Gut zwei Milliarden Menschen bekennen sich heute zum Christentum. Weltweit gehören 33 Prozent der Menschheit einer christlichen Kirche an. Auch wenn das Christentum ein nicht wegzudenkender Bestandteil der westlichen Kultur ist, so liegt seine Zukunft im dritten Jahrtausend nicht mehr in Europa oder den USA, sondern in Lateinamerika, Afrika und Asien.

„Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen aber ist die Kirche“ – so drückte sich der katholische Reformtheologe Alfred Loisy (1857 – 1940) aus. Die Geschichte der christlichen Kirche ist eine Geschichte vieler Kirchen, denn der Begriff „Christentum“ ist ein Sammelbegriff. Neben der sogenannten „ökumenischen“ Zuzammenschließung einiger Großkirchen gibt es zahlreiche kleiner Kirchen, die teilweise mit den Auffassungen der „Ökumene“ nicht konform sind, und von daher auch von dieser nicht anerkannt werden, obwohl alle an Jesus Chistus glauben und dessen Grundmaxime vertreten, und somit selbstverständlich christliche Kirchen sind. Zu den christlichen Kirchen sind folgende Organisationen zu zählen: Römisch-katholische Kirchen, Protestantische Kirchen, Lutherische Kirchen, Reformierte Kirchen, Evangelisch-unierte Kirchen, Anglikanische Kirchen, Mennoniten, Baptisten, Quäker, Brüderunität („Herrnhuter“), Methodistische Kirche, Freie Evangelische Gemeinden, Pfingstbewegung, Christliche Unitarier, Siebenten-Tags-Adventisten, Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen), Neuapostolische Kirche, Zeugen Jehovas, Neue Kirche (Swedenborgianer) und viele Splittergruppen.

Abhängig von der jeweiligen christlichen Kirche weichen auch die Zeremonien innerhalb dieser Kirchen erheblich von einander ab. Es würde an dieser Stelle zu weit gehen, auf Details dieser jeweiligen christlichen Kirchen einzugehen. Auch die Durchführung der Gottesdienste weichen in ihrer Form teilweise stark von einander ab. Nur eines haben diese christlichen Kirchen miteinander gemeinsam, und das ist der Glaube an Gott und seinen Sohn Jesus Christus, sowie an den Heiligen Geist, was als Dreieinigkeit Gottes bezeichnet wird, unabhängig von der Definition und Ausgestaltung (Trinitätslehre) des Gottesbildes. 

Zu den Hauptmerkmalen aller christlichen Kirchen gehört: Die Buße, die Taufe, der Gottesdienst, das Abendmahl, und die Gemeinschaft. Im Christentum werden gemeinsame Feiertage gewürdigt und begangen, hierzu gehören: Weihnachten, Nikolaus, Passionszeit,Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam, Geburt, Taufe, Kommunion, Konfirmation, Firmung, Eheschließung, Tod und Begräbnis.

Die Haltung zur Tierwelt im Christentum

Die Hebräische Bibel, der sich die jüdische und christliche Tradition verpflichtet fühlt, kennt eine Reihe von Tierschutzbestimmungen und gestattet nicht die bedenkenlose Ausbeutung der außermenschlichen Kreatur. Die Schöpfungserzählungen in 1. Mose 1 und 2 beschreiben den Menschen als Herrscher über die Tiere, jedoch nicht als brutalen Ausbeuter. Das Mensch und Tier eine Schicksalsgemeinschaft bilden, zeigt die Überlieferung von der Arche Noah: Ein Weiterleben der Menschheit scheint undenkbar, ohne dass zugleich ein Paar der wichtigsten Tiergattungen gerettet wird. Das Neue Testament enthält nur wenige Aussagen über Tiere. Jesus erwähnte in seinen Gleichnissen zwar Tiere, doch sprach er keine besonderen Gebote zur Behandlung von Tieren aus. In einer außerbiblischen Notiz – wahrscheinlich aus Ägypten – kritisierte Jesus einen Maultiertreiber, der sein Tier blutig geschlagen hatte. 

Tierfeindliche Vertreter im Christentum waren Paulus, Augustinus, Descartes, Thomas von Aquin und viele mehr. Ab dem 18. Jahrhundert prägten sich wieder zunehmend tierfreundliche Haltungen im Christentum aus, die ausdrücklich den Vegetarismus propagieren. Dazu gehören: Franz von Assisi, Albert Schweitzer, die Quäker, Richard Martin, Lewis Gompertz, Arthur Broome, Königin Victoria und viel mehr.

(Michael Drews, Mai 2013)

Literatur:

Nowak, Kurt; „Das Christentum“, C.H. Beck Verlag (1997)

Tworuschka, Monika u. Udo; „Die Welt der Religionen – Christentum“, Güterloher Verlagshaus (2007)

Veyne, Paul; „Als unsere Welt christlich wurde“, C.H. Beck Verlag (2011)