Gedanken über das Wort „Geist“

Das deutsche Wort „Geist“ besitzt einen dermaßen großen Anwendungsbereich, dass es eine gewisse Mühe verursacht, sich zu vergegenwärtigen, was alles damit gemeint ist. Als „Geist“ bezeichnet man jenes Prinzip, das im Gegensatz zur Materie steht. Darunter denkt man sich eine immaterielle Substanz oder Existenz, die auf höchster und universalster Stufe „Gott“ genannt wird. Man stellt sich diese immaterielle Substanz auch als Träger des psychischen Phänomens oder gar des Lebens vor. Im Widerspruch zu dieser Auffassung steht der Gegensatz Geist – Natur. Hier ist der Begriff des Geistes auf das Über- oder Gegennatürliche eingeschränkt und hat die substanzielle Beziehung zu Seele und Leben verloren. Eine ähnliche Einschränkung bedeutet die Auffassung Spinozas, dass der Geist ein Attribut der einen Substanz sei. Noch weiter geht der Hylozoismus (Lehre der ionischen Naturphilosophen, die als Substanz aller Dinge einen belebten Urstoff, die „Hyle“ annahmen), der den Geist als Eigenschaft des Stoffes versteht.

Eine allgemein verbreitete Anschauung fasst den Geist als ein höheres, die Seele aber als ein niedrigeres Tätigkeitsprinzip auf, und umgekehrt gilt bei gewissen Alchemisten der Geist als „ligamentum animae et corporis“, wobei letzterer offenbar als „ligamentum animae et corporis, wobei letzterer offenbar als spiritus vegetativus (der spätere Lebens- oder Nervengeist) gedacht ist. Ebenso allgemein ist die Auffassung, das Geist und Seele wesentlich dasselbe und deshalb nur willkürlich zu trennen seien. Bei „Wundt“ gilt Geist als „das innere Sein, wenn dabei keinerlei Zusammenhang mit einem Äußeren Sein in Rücksicht fällt“. Bei anderen wird der Geist auf gewisse psychische Vermögen oder Funktionen oder Eigenschaften beschränkt, wie Denkfähigkeit und Vernunft gegenüber dem mehr „seelischen“ Gemüte.

Bei diesen bedeutet der Geist die Gesamtheit der Phänomene des rationalen Denkens, des Intellektes, inklusive Wille, Gedächtnis, Phantasie, Gestaltungskraft und durch ideale Motive bedingte Strebungen. Eine weitere Bedeutung von Geist ist die von „Geistreichsein“, worunter ein vielfältiges, reichhaltiges, einfallsreiches, brillantes, witziges und überraschendes Funktionieren des Verstandes gemeint ist. Ferner wird Geist eine gewisse Einstellung oder deren Prinzip bezeichnet, z.B. man erzieht „im Geiste Pestalozzis“, oder „der Geist von Weimar ist das unvergängliche deutsche Erbe“. Ein Spezialfall ist der Zeitgeist, welcher das Prinzip und Motiv gewisser Auffassungen, Urteile und Handlungen kollektiver Natur darstellt. Es gibt des weiteren einen sogenannten „objektiven Geist“, unter welchem man den gesamten Bestand menschlicher Kulturschöpfungen insbesondere intelektueller und religiöser Natur versteht.

Der Geist, als Einstellung verstanden, hat, wie der Sprachgebrauch zeigt, unverkennbare Neigungen zur Personifikation: Der Geist Pestalozzis kann auch in konkretistischem Sinne dessen Geist, d.h. dessen imago oder Gespenst sein, so wie die Geister von Weimar die persönlichen Geister von Goethe und Schiller sein können, denn Geist heißt immer auch noch der Spuk, d.h. die Seele eines Verstorbenen. Das deutsche Wort „Geist“ hat wohl mehr mit Aufschäumendem und Aufbrausendem zu tun, weshalb einerseits eine Verwandtschaft mit Gischt, Gäscht, gheest, andererseits mit dem emotionalen „aghast“ nicht von der Hand zu weisen ist. Die Emotion wird ja seit Urzeiten als Besessenheit aufgefasst, und darum sagt man heute noch von einem Jähzornigen z. B. er sei vom Teufel oder einem bösen Geist besessen oder geritten oder ein solcher sei in ihn gefahren.

Wie die Totengeister und –seelen nach alter Anschauung von feinstofflicher Beschaffenheit gleich einem Lufthauch oder einem Rauch sind, bedeutet auch bei den Alchemisten der spiritus eine subtile, volatile, aklive und belebende Essenz, als welche z. B. der Alkohol verstanden wurde, sowie sämtliche Arkansubstanzen. Geist auf dieser Stufe ist Weingeist, Salmiakgeist, Ameisengeist usw. Dieses Viertelhundert von Bedeutung und Bedeutungsnuancen des Wortes „Geist“ erschwert einerseits dem Psychologen die begriffliche Abgrenzung seines Gegenstandes, andererseits erleichtert es ihm die Aufgabe, seinen Gegenstand zu beschreiben, da die vielen verschiedenen Aspekte ein anschauliches Bild des Phänomens vermitteln. Es handelt sich um einen funktionalen Komplex, der ursprünglich, auf primitiver (ursprünglich, erste Entwicklungsstufe) Stufe, als eine unsichtbare, hauchartige Gegenwart empfunden wurde. William James hat in seinen „Varieties of Religious Experience“ dieses Urphänomen anschaulich geschildert. Ein allbekanntes Beispiel ist auch der Wind des Pfingstwunders. Für die primitive Erfahrung liegt die Personifikation der unsichtbaren Präsenz als Spuk oder Dämon unmittelbar nahe.

Die Seelen oder Geister der Verstorbenen sind dasselbe wie die psychische Tätigkeit des Lebenden; sie setzen dieselbe fort. Die Auffassung, dass die Psyche ein Geist sei, ist damit ohne weiteres gegeben. Wenn daher im Individuum sich etwas Psychisches, ereignet, das es als zu ihm selber gehörig empfindet, so ist das sein eigener Geist. Geschieht ihm aber etwas Psychisches, das ihm fremdartig erscheint, so ist das ein anderer Geist, der vielleicht eine Besessenheit veranlasst. Der Geist im ersteren Falle entspricht der subjektiven Einstellung, im letzteren der öffentlichen Meinung, dem „Zeitgeist“ oder der ursprünglichen, noch nicht menschlichen, anthropoiden Disposition (menschenähnliche Veranlagung), die man auch als das „Unbewusste“ bezeichnet.

(Vgl. C.G.Jung: „Bewusstes und Unbewusstes“, Fischer Verlag 1985)