Empedokles (495 – 435)

Wenn von einem Philosophen behauptet werden darf, dass er die gesamte Bandbreite der Wissenschaft seiner Zeit umfasste, dann trifft dies vor allem auf Empedokles zu. Einerseits war er der exakte Naturforscher, andererseits ein Mystiker, der sich die Rolle eines Propheten und Sühnepriesters zulegte und den Zeitgenossen kathartische Praktiken empfahl. Darüber hinaus beteiligte er sich aktiv am politischen Leben seiner Vaterstadt Akragas, wobei er sich überzeugt für die Sache der Demokratie einsetzte, weswegen er auch die ihm angebotene Königswürde ausschlug.

Diese völlig differenten Interessengebiete kommen auch in seien Werken gut zum Ausdruck: Einerseits ist ein Werk, genannt „Über die Natur“, tradiert; andererseits ist sein Werk „Reinigungslieder“ jenes Buch, das seine mystische Ansicht zum Ausdruck bringt. Ich beginne mit der Interpretation seiner „Reinigungslieder“: Dabei fällt primär auf, dass er von zwei deutlich zu unterscheidenden Wissensbereichen spricht, die auch zwei völlig verschiedene Erkenntniszugänge implizieren: a) einmal die Erkenntnis von empirischen Dingen der Außenwelt, eine Erkenntnis, die als inferior angesehen wird; und b) davon deutlich verschieden eine solche der Mathematik und Logik, die als superior zu bezeichnen ist und auch nur wenigen zugänglich sein soll.

Hier wird seine Abhängigkeit von Pythagoras und seinem Philosophenkreis deutlich, vor allem aber wenn man in Rechnung stellt, dass er für Pythagoras größte Hochachtung empfand, bei dem er die Seelenverwandtschaft zu seiner eigenen mystischen Veranlagung spürte. Vor allem war er auch ein Vertreter der Reinkarnationslehre und behauptete von sich, einst in seligen Gefilden gelebt zu haben, aus denen er wegen seines schlechten Lebenswandels vertrieben wurde: Sein jetziges Leben auf dieser Erde war für ihn somit das Ergebnis einer Strafe und somit beklagte er auch sein Dasein. Bei ihm taucht bereits das Motiv der „Einkerkerung“ der Seele in einen irdischen Körper auf, wie sie bei Sokrates /Platon in mehreren Dialogen als zentrales Thema erscheint.

Der Fall (Abstieg) aus himmlischen, lichten Höhen in das triste irdische Dasein (er behauptet von sich, ein in die Welt gestürzter Dämon zu sein) verlangt förmlich, nach Wegen zu suchen, wie ein Aufstieg in den ursprünglichen seligen Zustand möglich sein kann. Zwei Elemente werden dafür angegeben: einmal ein moralisch untadeliger Lebenswandel und zum Zweiten geheime Reinigungsriten. Diese sollten in Weihe- und Opfergaben an die Götter erfolgen; Opfer jedoch, die unbedingt unblutig sein müssen, denn jedes blutige Opfer sei ein schweres Vergehen, das Strafe nach sich zieht. Für ihn ist jedes Tieropfer, jede Tötung von Tieren schlichtweg Mord, und daher war er auch (wie Pythagoras) strenger Vegetarier. Ganz pythagoräisch mutet sein Motiv an, wenn er im Verzehren von Tieren Kannibalismus sieht: „Da schlachtet der Vater in arger Verblendung den lieben Sohn, der seine Gestalt gewandelt hat, und spricht dabei noch ein Gebet!“

Seine Ansicht von der Seelenwanderung und der möglichen Inkorporation eines Menschen in Tiergestalt findet aber eine interessante Konsequenz in Form des Einbezugs jedes Lebewesens in einen gemeinsamen Sittenkodex. Aristoteles hat diesbezüglich Empedokles richtig interpretiert: „Denn es gibt – etwas Derartiges ahnen ja alle – von Natur ein gemeinsames Recht und Unrecht, auch wenn keinerlei Gemeinschaft oder Vertragsverhältnis unter ihnen besteht, wie auch Empedokles davon spricht, dass man kein beseeltes Geschöpf töten darf.“

Sextus Empiricus interpretierte Empedokles dahin gehend, dass es nur einen einzigen Lebenshauch gäbe, der für alle Lebewesen gelte und der die gesamte Welt wie eine Seele durchdringe. Wenn man eine weitere Facette seiner Lehre betrachtet, so fällt seine – aus heutiger Sicht – überzogene Selbsteinschätzung auf, die sogar bis zur Annahme, ein Gott zu sein, ging. Allerdings muss einschränkend darauf hingewiesen werden, dass eine derartige Selbstvergottung in den Augen der griechischen (unteritalischen) Mitbewohner keineswegs als Blasphemie angesehen wurde, da das Götterbild bekanntlich stark anthropomorph konzipiert war.   Trotzdem klingt seine Selbsteinschätzung nach ungerechtfertigtem Eigenlob: „Ich wandle unter Euch als unsterblicher Gott, nicht mehr als Mensch, von allen geehrt, wie es sich gebührt, Binden und blühende Kränze ums Haupt … Die Menschen aber folgen mir zu Tausenden, um zu erfragen, wo der Pfad zum Heile führt. Die einen möchten Orakelsprüche haben, die anderen fragen wegen allerlei Krankheiten, um ein heilsames Wort zu vernehmen.“

Tatsächlich erwies man ihm die hier angeführten Ehren, ihm, der seinen Zeitgenossen nicht so sehr als Philosoph, sondern als Prophet, der von den Göttern gesandt wurde, erschien, um sich als Wunderheiler und Erlöser von aller Weltenpein zu betätigen.

Ich erwähnte bereits, dass er – fast im Stile der ionischen Naturphilosophen – stark um neue Einsichten auf dem Gebiet der Natur bemüht war. So findet man bei ihm die Annahme von vier Grundstoffen: Erde, Wasser, Luft, Feuer. Das bedeutet, dass er die Suche nach einem Element, das als arche´gelten kann, erweiterte und dabei einen haltlosen Monismus verwarf. Die verschiedenen Dinge der Welt unterscheiden sich voneinander nur durch Art und Menge der Urteile. Diese Hypothese war von größter Tragweite: Seine Vier-Elementen-Lehre überdauerte  rund zwei Jahrtausende; und wenn sich vor allem Alchemisten des Mittelalters darum bemühten, zu diesen vier Elementen ein fünftes (die sog. „quinta essentia“) aufzufinden, so steht die Elementen-Lehre auch des Empedokles im Hintergrund.

Die Frage nach Entstehung und Veränderung von Dingen der empirischen Welt beantwortet er dahin gehend, dass dafür die Bewegungen kleinster, somit auch unsichtbar, ungewordener und selbst unveränderlicher Stoffteilchen verantwortlich seien. Die Hypothese erfuhr bereits zur Zeit der griechischen Antike verschiedene Wertungen: Aristoteles sieht in dieser Mischung nur einen grob-mechanischen Vorgang. Galenius stellt sie differenzierter dar: Empedokles meinte, dass aus den vier unveränderlichen Elementen die Natur der zusammengesetzten Stoffe hervorgehe, indem die Ersten so miteinander vermischt wären, wie wenn jemand Rost und Kupfererz und Zinkerz und Vitiolerz ganz fein zerriebe und zu Pulver machte und miteinander mischte, sodass er nichts von ihnen ohne einen Teil eines anderen in die Hand nehmen kann.

Seine Naturphilosophie kann als bemerkenswert bezeichnet werden, denn seine spekulativen Einsichten wurden viele Jahrhunderte später wissenschaftlich bestätigt; auch die Übertragung der Elementenlehre auf die organische Natur ist nicht nur eine konsistente Annahme, sondern wissenschaftlich haltbar: „Dieselben Grundstoffe werden zu Haaren und Blättern und der Vögel dichtem Gefieder und zu Schuppen auf starken Gliedern.“ Man könnte darin sogar eine Frühform einer Evolutionstheorie sehen, wenn er nicht als Motor der Entwicklung der Naturdinge „Liebe“ und „Streit“ angenommen hätte.

Für sein System war der Gedanke der Veränderung so wichtig, dass er selbst den Tod nur als Transformation ansah und auch von einem ewigen, sich aber ständig wandelnden Kosmos ausging: „Entstehung gibt es von keinem einzigen all der sterblichen Dinge, noch ein Ende in verderblichen Tode. Nein! Nur Mischung gibt es und Trennung des Gemischten; das Wort „Entstehung“ gibt es nur bei den Menschen.“ Diese Ansicht impliziert allerdings keine Vorstellung von einer „creatio ex nihilo“ und eleminiert auch jeden Gedanken an einen Schöpfergott.

(Quelle: Anton Grabner-Haider; „Die wichtigsten Philosophen“, 2006)