Die Tierbrüder

Als ich heute am 30.04.2016 an der Oper in Hannover vorbei ging, war dort Veganer-Markt, wie er seit einigen Jahren in Hannover jedes Jahr stattfindet. Allerdings war dieser ansonsten am Steintor in Hannover und nicht vor der Oper, wo dieser allerdings aus meiner Sicht viel besser hin gehört. Seit vielen Jahren ernähre ich mich vegan und bin von daher immer recht gespannt, was es dort alles zu sehen gibt. Allerdings kaufe ich dort keine Speisen, da ich seit vielen Jahren meine Speisen selbst zubereite, um zu wissen was diese enthalten und was ich esse. Da ich auch Bücher mit Geist liebe, blieb ich an einem Stand hängen, an dem unzählige Bücher ausgelegt waren. Nachdem ich mir einige Bücher ansah und deren Inhalt kurz eroierte, blieb mein Blick an einem kleinen Büchlein mit dem Titel, „Die Tierbrüder“ von Edgar Kupfer-Koberwitz hängen. Von diesem Buch waren zwei Exemplare vorhanden, eines zur Ansicht und das andere noch in Folie versiegelt. So begann ich kurz den Inhalt dieses Buches in Erfahrung zu bringen, und was ich dort kurz las, berührte mich so sehr, dass ich wusste, „dieses Buch musst du haben“. Da ich nicht genügend Geld dabei hatte ließ mich mir dieses Buch zurücklegen um kurz zur Bank zu gehen und mir wenig Geld für dieses Buch zu holen.

Als ich mir dieses Buch dann von diesem Stand abholte ging ich in ein Cafe am Bahnhof, wo ich immer gerne sitze und etwas lese wenn ich dort allein bin. Ich begann in diesem Buch zu lesen und der Inhalt fesselte mich sofort, so dass ich die ersten dreißig Seiten und weit über das erste Kapitel hinaus las und dabei die Zeit vergaß. Beim Lesen erfasste mich das Gefühl des Erstaunens, der Vertrautheit, der Trauer und der Begeisterung ob dieser Zeilen.

Edgar Kupfer-Koberwitz isst kein Fleisch und begründet dieses mit folgenden Zeilen: „Menschen? – Das sind die wilden Tiere, die so zahm tun -“ sagte der Fuchs. – Wenn wir im Tier den Bruder sehen werden, wird viele Härte und viel Irrtum weichen, und es wird heller auf der Erde werden, weil wir der Güte Licht vom Himmel reichen.

„Ich glaube, solange man Tiere tötet und quält, wird man Menschen töten und quälen – solange wird es Kriege geben -, denn das Töten will geübt und gelernt sein im kleinen, innerlich wie äußerlich. Solange es noch Tiere in Käfigen gibt, solange wird es auch noch Gefängnisse geben – denn das Einsperren will geübt und gelernt sein, im kleinen, innerlich wie äußerlich. Solange es noch Tier-Sklaven gibt, solange wird es noch Menschen-Sklaven geben – denn das Sklaven halten will gelernt und geübt sein, im kleinen – innerlich wie äußerlich.

Ich finde es unnötig, sich über das zu entsetzen was andere an geringen oder großen Greueln und Grausamkeiten tun, aber ich finde es nötig, dass wir beginnen, uns da zu entsetzen, wo wir selbst im großen oder im kleinen noch grausam handeln. Weil es leichter ist, das Kleine zu erringen als das Große, so denke ich, wir sollten versuchen, unserer kleinen gedankenlosen Grausamkeiten Herr zu werden, sie zu vermeiden oder besser noch: sie zu unterlassen. Denn wird es uns eines Tages nicht schwerfallen, auch unsere großen Herzlosigkeiten zu bekämpfen und zu besiegen.

Aber wir alle schlafen noch im Herkömmlichen. Das Herkömmliche ist wie eine schmackhafte, fettige Soße, die uns die eigenen selbstsüchtigen Gefühllosigkeiten schlucken lässt, ohne dass wir ihren bitteren Geschmack verspüren. Doch will ich nicht mit Fingern deuten auf den und die – nein, ich will mich selber wach machen im kleinen und beginnen, verständiger, hilfreicher und besser zu werden. Warum sollte es mir dann später nicht auch im großen gelingen? Siehst Du, das ist es: ich möchte hineinwachsen, hineinleben in eine schönere Welt mit höheren, beglückenderen Gesetzen, mit dem göttlichen Gesetzen aller Zukunft: alles zu lieben.

Ich esse keine Tiere, weil ich mich nicht von dem Leiden und Tode anderer Geschöpfe ernähren will – denn ich habe selbst so viel gelitten, dass ich fremdes Leid empfinden kann, eben vermöge meines eigenen Leides. Warum soll ich, der ich glücklich bin, wenn ich nicht verfolgt werde, andere Geschöpfe verfolgen oder verfolgen lassen? Warum soll ich, der ich glücklich bin, wenn ich nicht gefangen werde, andere Geschöpfe fangen oder fangen lassen? Warum soll ich, der ich glücklich bin, wenn niemand mir Leid zufügt, anderen Geschöpfen Leid zufügen oder zufügen lassen? Warum soll ich, der ich glücklich bin, wenn ich nicht verwundet und getötet werde, andere Geschöpfe verwunden oder töten oder für mich verwunden oder töten lassen?

Ist es nicht nur natürlich, dass ich das, was ich wünsche, dass es mir nicht geschehe, auch anderen Geschöpfen nicht geschehen lasse? Wäre es nicht sehr unedel von mir, wollte ich es doch tun, nur um mir einen kleinen Genuss zu verschaffen, auf Kosten fremden Leides und fremden Todes? Das diese Geschöpfe kleiner und schwächer sind als ich, welcher vernünftig und edel denkende Mensch könnte daraus ein Recht ableiten, ihre Schwäche und Kleinheit zu missbrauchen? Ist es nicht in Wirklichkeit so, dass der Größere, Stärkere, Überlegenere stets das schwächere Geschöpf beschützen sollte, nicht aber töten und verfolgen? „Edel sein verpflichtet.“ Und ich möchte edel sein.

Ich höre Dich, wie Du mir entgegnest: „Aber in der Natur, geschieht da nicht auch das was wir tun? Verschlingt da nicht auch der Stärkere den Schwächeren? Also handeln wir naturgemäß!“ Ich antworte Dir, dass Du recht hast. In der Natur ist es so – bei den Tieren, selbst bei den Pflanzen. Aber zählst Du Dich noch Tier noch Pflanze zu? Glaubst Du nicht vielmehr, schon auf einer höheren Stufe zu stehen – und nennst Du Dich nicht stolz: Mensch?

Verstehst Du es also, wenn ich glaube, meine Taten sollten die eines Menschen sein, die eines höheren Wesens, nicht die eines handlungsgebundenden Tieres? Macht nicht gerade das unsere Menschwerdung aus, dass wir danach ringen, uns von diesem Handlungs-Gebundensein zu lösen? Liegt nicht gerade in dieser fast schon freien Entscheidungsmöglichkeit unseres Ichs alles Menschsein beschlossen? Du wirst mir begegnen: „Ja, aber wir Menschen sind doch nicht vollkommen, wir sind noch sehr an alles Untere gebunden – wir haben noch vieles vom Tiere in uns, über das wir uns noch nicht hinaus entwickelt haben, das wir noch befriedigen müssen.“

Ja, ich gebe Dir auch darin recht. Die meisten Menschen sind noch ein Ding zwischen bewusstem Tier und unbewusstem Menschen, so dass wir große Enttäuschungen erleiden, wenn wir sie, ihrem Aussehen entsprechend, schon als wirkliche Menschen werten. Selbst diejenigen unter uns, welche höhere Plätze einnehmen, sind in ihrem stärksten Drange meist noch mehr Tier als Mensch, sind Wolf oder Schaf, das, was ihrer Natur gemäß ist. Doch so völlig recht, wie es scheint, gebe ich Dir nicht. – Es lebten und leben Menschen, die schon entwickelter sind, in denen das Tier schwächer ist und der Mensch stärker. So frage ich Dich nun: sollen sie aus Bequemlichkeit zurücksinken und das dumpfe Leben des Tieres in sich weiterleben – oder sollten sie nicht vielmehr versuchen, diese Stufe zu übersteigen, ganz die Sprosse zu erklimmen, die Mensch heißt?

Und ich frage weiter: Soll ich selbst nicht lieber versuchen, mich zu vervollkommnen, mich höher zu recken, Mensch zu werden, statt träge in den Gewohnheiten des Tierischen zu treiben? Denn wisse eines: Was wir vom Tiere noch an uns haben, es sind nur die dumpfen und weniger schönen Teile seines Wesens – den weiten Blick, die große Reinheit, die Unschuld und viele andere seiner guten und schönen Eigenschaften besitzen wir nicht mehr. Noch ist es Anmaßung, wenn der Mensch von sich glaubt, ein höheres Wesen zu sein, noch ist er es nicht. Die aber, welche ernsthaft danach streben, wirkliche Menschen zu werden, sollten sie nicht bewusst, voll Ernst und heiterer Würde diesen Weg gehe, den Weg zum höheren, göttlicheren Menschen, zu dem Wesen, das wir eigentlich sein möchten, das wir aber – höchstens in unseren Wunschträumen sind?

All das, was wir Kultur nennen – ist es nicht ein Weiser zu diesem Ziele, wie ein Wegstein, der uns aus der Wildnis finden lässt? Das aber, was uns ein Kunstwerk sagt, was ein gutes Buch zu uns spricht, wir müssen es erst leben – durch die Tat. Damit, dass wir uns mit edlen Kulturdingen befassen, mit Kunstwerken umgeben, ist erst der Anfang getan – die Aufnahme der Kultur. Kultur aber sollte in uns wachsen, Tat werden und … Ernte. Die schönen Gedanken, die wir selbst denken – erst dann, wenn wir nach ihnen handeln, werden sie Leben erhalten, erst dann werden sie zu einem Zauberstabe, der uns zu Göttern macht, zu höheren Wesen – zu wahren Menchen. 

Meinst Du, es könne von diesem Gesichtspunkte aus verkehrt sein, dass ich mich bemühe, bewusst keinen Tod, kein Leid zu schaffen? Denkst Du nicht vielmehr auch, dass das ein Schritt sein könnte, dem näherzukommen, was wir erstreben und ersehnen: dem wahren Menschentum? Siehst Du nicht, dass es schöner ist, im Frieden mit der ganzen Schöpfung zu leben, ihr Verstehen und Liebe entgegenzutragen statt Zerstörung und Verfolgung? Du weißt nicht, wie so ganz anders sich seit zwanzig Jahren allen Geschöpfen gegenübertreten kann, wie frei ich dem Reh wie der Taube ins Auge zu schauen vermag, wie sehr ich mich Bruder fühle mit allen, liebender Bruder mit Schnecke, Wurm und Pferd, mit Fisch und Vogel. 

Du liest „Wurm“ und lächelst. Und doch, ja, es ist wahr, was ichz sage: auch mit dem Wurm. Ich hebe ihn vom Wege auf, wo er zertreten werden könnte, trage ihn dorthin, wo er seine Zuflucht finden wird – auf ein Stück Erde oder Rasen. Und ich bin glücklich darüber, weit glücklicher, als wenn mein Absatz ihn zertritt und er sich stundenlang noch elend am Wege krümmt. Was bedeutet das kleine Opfer – mich zu bücken, meine Fingerspitzen zu beschmutzen? Was ist es gegen das große Gefühl, liebend in den Kreis der Natur eingetreten zu sein, in den Kreis der Mitgeschöpfe – nicht als Schreckensverbreiter, nicht als Zerstörungsträger – nein: als Friedensbringer – als – der ältere, höhere Bruder, Brüder aber verfolgt man nicht – Brüder tötet man nicht.

Verstehst Du jetzt, warum ich kein Fleisch esse?“

(Vgl. Edgar Kupfer-Koberwitz, „Die Tierbrüder“, Höcker Verlag 1994)