Die Kriegsmarinestadt Wilhelmshaven

Da ich in Wilhelmshaven geboren und aufgewachsen bin, habe ich zu dieser Stadt eine besondere Beziehung. Obwohl ich in dieser Stadt seit 1982 nicht mehr wohne, und ich auch viele schlechte Erinnerungen mit ihr verbinde, verspüre ich doch eine innere Verbundenheit mit dieser Stadt. Insbesondere die junge Geschichte dieser Stadt hat mich schon immer fasziniert, und lässt mich bis heute nicht los. Aus diesem Grunde habe ich mir einige sehr alte Bücher über die Stadt Wilhelmshaven, die in meinem Besitz sind, zur Hand genommen, und mir einen Text zusammen geschrieben, mit dem ich hoffe, dem Leser die Geschichte dieser Stadt ein wenig anschaulich näher zu bringen.

Die Auseinandersetzung des Deutschen Bundes mit Dänemark in den Jahren 1848 – 50 ließ Preußen die Notwendigkeit erkennen, an der Nordsee einen Stützpunkt für eigene Kriegsschiffe zu besitzen. Das Großherzogtum Oldenburg wünschte zu gleicher Zeit eine Verbesserung des Schutzes seiner Küste und seiner Schiffahrt durch eine verbündete Macht, auch als Gegengewicht gegen das Königreich Hannover.

Diese gleichen Interessen erleichterte den Abschluss der Vertrages, der am 20. Juli 1853 zwischen den beiden Staaten geschlossen wurde. Der Plan musste aus innen- und außenpolitischen Gründen von beiden Staaten streng geheim behandelt werden. Der Finanzminister Oldenburgs konnte den Dingen dagegen mit großer Ruhe entgegensehen, denn der Vertrag verpflichtete Preußen, in den ersten drei Jahren mindestens 400.000 Thaler an Ort und stelle zu verbauen. Außerdem wurde später ein langwieriger Prozess durch eine Abfindung zu Gunsten Oldenburgs aus der Welt geschafft.

Hannover sah diese Entwicklung nicht gern und warnte Oldenburg davor, „die Preußen ins Land zu lassen“. Um die weitere Entwicklung zu bremsen, versuchte Hannover, eine Eisenbahnverbindung mit dem Jadegebiet und Oldenburg zu verhindern. Man sah in dem Entstehen einer Stadt zugleich mit der Schaffung eines Marinestützpunktes eine Gefahr für die oldengurgischen Gemeinden und verbot in dem Artikel 13 des Vertrages ausdrücklich die Anlage eines Gemeinwesens. Diese einengenden Bestimmungen des Vertrages wurden erst am 16. Februar 1864 aufgehoben, als die Wirklichkeit längst über diesen Vertrag hinweg gegangen war. Wilhelmshaven ist also nicht gegründet worden, sondern gegen ein ausdrückliches Verbot aus den sachlichen Notwendigkeiten trotz aller Widerstände entstanden.

Der Bau von Festungswerken hat sich als unnötig erwiesen. Dagegen wurde 60 Jahre nach Abschluss der Vertrages im Jahre 1911 durch die Zusammenfassung der abgetretenen Gebiete umschließenden oldenburgischen Gemeinden Heppens, Neuende, Bant und die damals größte Stadt Oldenburgs, Rüstringen,  mit bereits 50.000 Einwohnern gegründet. Die Stadt Wilhelmshaven hatte zu dieser Zeit ca. 20.000 Einwohner. 

Zur Zeit der Planung der Anlagen des Marinestützpunktes standen die Segelschiffahrt und der Holzschiffbau auf der Höhe und zugleich am Ende ihrer Entwicklung. Der Eisenschiffbau und der Antrieb durch Dampfmaschinen zeichneten sich als kommende Entwicklung ab. Am 17. Juni 1869 konnte König Wilhelm I. von Preußen von der Nordmole der Einfahrt auf die bis dahin fertiggestellte Schleuse, den Hafenkanal und den Bauhafen ohne Wasserfüllung sehen, und der Tag dieses Bauabschlusses war zugleich der Tag der Namensgebung der entstehenden Stadt. 

Am 4. August 1873 bekommt die Stadt Wilhelmshaven die Stadtrechte. Im Jahre 1886 wird mit dem Bau der heutigen so genannten Seeschleuse eine zweite Hafeneinfahrt geschaffen, dazu ein neuer Hafenteil und der Anschluss an den Ems-Jade-Kanal von Emden nach Wilhelmshaven hergestellt.  

Das erste große auf der Werft erbaute Schiff, die Panzerfregatte „Großer Kurfürst“, sank auf der ersten Reise drei Tage nach dem Auslaufen im Englischen Kanal, gerammt von dem Panzerschiff „König Wilhelm“ am 31. März 1878. Nicht nur 200 Leute Besatzung verloren dabei ihr Leben, auch das Schiff, an dem drei Jahre lang die ganze Belegschaft des Marinestützpunktes gearbeitet hatten, war verloren. Mit allen Ereignissen, die mit den maritimen und kolonialen Interessen Deutschlands in Verbindung standen, waren die Bewohner der Stadt besonders eng verbunden, während die Stadt infolge ihrer Lage weitgehend im Lande unbekannt war.

Die große Entwicklung setzte ein mit dem Flottengesetz von 1898, es beginnt die „Ara Tirpitz“. Diese erstreckt sich über die Zeit bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914. Drei neue Docks entstanden an der Nordseite des Bauhafens. Hier mussten bereits einige Straßenzüge der Stadt abgerissen werden, um genügend Raum zu gewinnen. Eine weitere Seeschleuse wurde gebaut, die „Dritte Einfahrt“. An der Südseite des Hafengebietes wurde der Deich weiter hinausgeschoben und dadurch zwei weitere große Hafenbecken gewonnen. An der Westseite dieser Becken wurde die neue Sonderwerft für Torpedoboote und die nunmehr neu erscheinenden Unterseeboote gebaut, die „Uto-Werft“.

Eine bestehende Überwegung nach dem Deich in Höhe der östlichen Roonstraße, heute Rheinstraße, musste durch eine Brücke ersetzt werden, so wurde im Jahre 1907 die größte Drehbrücke Deutschlands als „Kaiser.Wilhelm-Brücke“ dem Betrieb übergeben. Alle Unternehmungen des Reiches in Übersee machten sich in Wilhelmshaven besonders bemerkbar. Am Kai vor dem Verpflegungsamt auf der Schleuseninsel, später Hafeninsel, wurden Truppen 1901 nach Ostasien, 1904 nach Südwestafrika eingeschifft. Hier vollzog sich auch die Ablösung der Besatzungen der auf Auslandsstationen befindlichen Schiffe und die Befrachtung der Versorgungsschiffe.

Bei Ausreise der Kriegsschiffe und Rückkehr mit dem langen Heimatwimpel im Tongo war die Bevölkerung Wilhelmshavens zur Stelle, und die Angehörigen der Besatzungen kamen aus allen Teilen Deutschlands herbei zum Abschied oder zum Empfang. Der Ausbruch des Krieges im August 1914 brachte die Periode ständiger Entwicklung zum Erliegen. Die Mobilmachung führte erhebliche Menschenmengen in die Stadt, für deren Unterkunft und Verpflegung nur provisorisch unter Mithilfe aller Bevölkerungskreise gesorgt werden konnte. Die planmäßige Indienststellung der in erster Bereitschaft liegenden Schiffe und sonstige Mobilmachungsmassnahmen forderten pausenloses Arbeiten auf der Werft und in allen Marinedienststellen. Schon die ersten Seegefechte im August 1914 brachten Verluste von Schiffen, die gerade in Wilhelmshaven ausgerüstet und bemannt worden waren.

Das Ende des Krieges und die Bedingungen des Friedensvertrages bedeuteten für die Stadt praktisch die Vernichtung ihrer ganzen wirtschaftlichen Grundlage. Wer irgendwie konnte, verließ die Stadt, alles wirtschaftliche Leben stagnierte. Aber die Gründe und Wohnungen der Bevölkerung waren unbeschädigt, ebenso waren alle technischen Einrichtungen der Marine- und der Versorgungsanlagen betriebsfähig erhalten geblieben. Ingenieure, Meister und Arbeiter waren vorhanden, so dass es möglich war, mit den verbleibenden Mitteln sich andersartigen Arbeiten zuzuwenden., um die zurückgebliebenen etwa 7000 Werftangehörigen wieder in Arbeit zu bringen.

Der der neu gebildeten „Reichsmarine“ verbleibende Teil der Werft, im wesentlichen die alte Bauwerft und alle Hafen- und Schleusenanlagen, konnten mit dem Bau von 16 Fischdampfern und von vier großen Fracht- und Passagierdampfern der Firma Hugo Stinnes A.G. „Emil Kirdorf„, „Carl Legien„, „Albert Vögler“ und „Adolf von Bayer“ einigermaßen im gewohnten Arbeitsgebiet bleiben.

Der Versuch, eine Fischerei aufzubauen und den ganzen Hafen durch eine Hafenbetriebsgesellschaft einheitlich zu betreiben, gelang nicht. Von der Stadt Wilhelmshaven wurden die Bauten am Südstrand errichtet, die die Grundlage zum Aufbau eines Seebadebetriebes darstellen, der noch heute für Einwohner und Besucher der Stadt eine Anziehungskraft behalten hat. Auch an mehreren anderen geeigneten stellen bot sich Gelegenheit zum Baden in der See, wie es in keiner der anderen Seestädte mit so geringen Mitteln möglich ist. 

Im Jahre 1925 wurde der erste Nachkriegsneubau vom Stapel gelassen, ein Kreuzer, der wieder den ruhmvollen Namen „Emden“ trug. Torpedoboote der Raubvogel- und Raubtierklasse folgten. Einschneidende Bestimmungen des Friedensvertrages über „Deplacement“ und Bewaffnung der noch erlaubten Schiffe führten zu der Neukonstruktion von Panzerschiffen, die trotz der genannten Beschränkungen von überraschender Leistungsfähigkeit waren. Diese „pocket battleships“ trugen im Jahre 1939 den Kampf bis an die Südostküste von Südamerika.

In Zusammenarbeit mit der Hüttenindustrie wurde von der Marine ein für die Anwendung des elektrischen Schweißens besonders geeigneter Schiffbaustahl entwickelt. Schweißverfahren, schweißgerechte Konstruktionen und geeignete Elektroden wurden im Schiffbauressort geschaffen und ausprobiert. Diese Arbeiten waren von nachhaltiger Wirkung auf den Handelsschiffbau, der seine Bauvorschriften den Erfahrungen, die bei der Marine gewonnen worden waren, anpasste.

Mit der allgemeinen Aufrüstung nach der Machtübernahme traten an alle Dienststellen der Marine erhöhte Anforderungen heran, und auch die Planungen, die sich mit der Schaffung einer Stadt für 400.000 Einwohner beschäftigten, erforderten viel Arbeit von allen Stellen. Historische Augenblicke erlebte die Stadt auch wieder auf Grund ihrer Eigenschaft als Werftplatz, als am 1. April 1939 Adolf Hitler nach dem Stapellauf des Schlachtschiffes „Tirpitz“ auf dem völlig umgestalteten Platz vor dem Rathaus, von großen an der Bismarckstraße errichteten Tribünen aus, den Flottenvertrag mit England aufkündigte.

Die Küstenstadt und Festung Wilhelmshaven war auch vom ersten Tag an Ziel englische Luftangriffe. Rund 100 Großangriffe bei etwa 1800 Alarmen folgten in den sechs Kriegsjahren des zweiten Weltkrieges. Am Ende des Krieges war über die Hälfte aller Wohngebäude der Stadt zerstört. Auf der Werft waren wesentliche Zerstörungen an mehreren Stellen eingetreten, aber die Gesamtfunktion war nicht lahmgelegt. Besonders war keine der vier Seeschleusen beschädigt, ferner waren die Elektrizitätswerke, das Gaswerk und das Wasserwerk funktionsfähig geblieben.

Die Besatzungsmächte ließen zunächst die beschädigten Anlagen auf der Werft wiederherstellen, da sie die Anlagen für ihre eigenen Zwecke brauchten. Gleichzeitig wurden von allen Seiten Pläne untersucht für die nutzbringende Verwendung von Bauten und Anlagen, die nicht mehr für militärische Zwecke in Frage kamen. Welche Möglichkeiten die Besatzungsmacht der Stadt für eine weitere Tätigkeit lassen würde, war allerdings unbekannt, aber etwas schien auf keinen Fall wieder in Betracht zu kommen, nämlich eine militärische Verwendung der Werftanlagen

Die Einrichtungen der Werft werden der UdSSR ausgeliefert, die Gebäude würden zerstört. Bis 1949 wurden in etwa 30 Frachtdampfern die ausgebauten, sorgfältig verpackten Maschinen und Einrichtungen nach Leningrad verfrachtet, nachdem mit der Schaffung neuer Betriebsvorschriften und Beschreibungen der abzugebenden Maschinen und Geräte von einem großen Konstruktionsbüro noch umfangreiche Arbeiten geleistet worden waren. Jedem Besucher Wilhelmshavens muss gesagt sein, dass die Werftanlagen nicht durch Kriegseinwirkung zerstört wurden, sondern systematisch in einem Zeitraum von 1947 bis 1950 durch Abtransport und Sprengung vernichtet wurden.

Ende des Zweiten Weltkrieges suchten die Verantwortlichen für Wilhelmshaven eine neue Leitfunktion, die die Jadestadt künftig eigenständig und losgelöst von einseitigen, militärischen Überlegungen entwickeln sollte. Wilhelmshaven ist heute mit seinen 76.545 Einwohnern der größte Marinestandort Deutschlands, der einzige deutsche Tiefseewasserhafen und das wirtschaftliche und kulturelle Oberzentrum der Nordwest – Region. Die Zukunftsperspektiven liegen im Hafen- und Wirtschaftbereich, im Bestand des Marinestandortes, in der Entwicklung fortschrittlicher Energietechnologien sowie in der Weiterentwicklung als Kultur- , Freizeit- und Urlaubszentrum.

Der Jade-Weser-Port ist der Containerterminals in Wilhelmshaven. Er wurde als Tiefwasserhafen mit finanzieller Unterstützung der Länder Bremen und Niedersachsen an der Innenjade gebaut und am 21. September 2012 offiziell in Betrieb genommen.Der Jade-Weser-Port kann als einziger deutscher Tiefwasserhafen tideunabhängig auch die größten Containerschiffe wie die der Emma-Mærsk-Klasse voll beladen abfertigen. 2012 waren hierzu weltweit nur ungefähr zwölf Häfen in der Lage, davon kein anderer in Deutschland.

Allerdings wird die Auslastung und Entwicklung dieses Hafens von anderen Hafenstädten Deutschlands konkurriert und auch boykottiert und mit anderen Interessengruppen stark behindert. In der Vergangenheit hat die wirtschaftliche Bedeutung Wilhelhelmshavens durch politische lobbyistische Fehlentscheidungen leider stark gelitten, so das die Einwohnerzahl bedingt durch eine hohe Arbeitslosenquote stark zurück gegangen ist.

Literatur:

Has/Evers: „Wilhelmshaven 1853 – 1945 – Erinnerungen“, Lohse-Eissing Verlag, Wilhelmshaven 1961

Welge, Karl: „Wilhelmshaven – Frieden, Zerstörung, Aufbau“, Paul Hug & Co. u. Jade Druck GmbH, Wilhelmshaven 1951

Konken/Schlüsselburg: „Wilhelmshaven“, Karin Mader Verlag, Grasberg 1992