Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage

Am 14.05.1958 bin ich in die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (auch Mormonen genannt) hinein geboren. Meine Eltern Erwin Drews und Klara Drews, geborene Ludwig, sind ebenfalls in diese Kirche hinein geboren und nach deren Lehre und Lebensweise erzogen worden. Als Säugling bin ich wie üblich von Priestertumsträgern des melchisedekischen Priestertums gesegnet worden. Im Sinne der Kirche erzogen worden bedeutet, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen und in der Sonntagsschule in der Primarvereinigung in die Lehre Jesu Christi durch Bibel, Buch Mormon, Lehre und Bündnisse, sowie die Kirchenmonatsschrift der Stern (heute Liahona) unterrichtet zu werden.  

Selbstverständlich nehmen auch die Kinder an der sonntäglichen Abendmahlsversammlung teil, wo auch die Kinder das Abendmahl nehmen. Der Sonntag ist so der Tag der Familie und wird auch zusammen verbracht. An diesem Tag haben wir nicht wie andere Kinder Nachmittags draußen gespielt, als sei der Sonntag wie der Alltag. Der Sonntag dient der Besinnung zu Gott und seinem Sohn Jesus Christus. Am Montag ist dann der Heimabend, was bedeutet, dass die Familie an diesem Abend zusammen ist und in den heiligen Schriften ließt sowie Gesellschaftspiele spielt. An diesem Tag geht es darum die Familie zu stärken und den Zusammenhalt zu fördern. Als Jugendlicher war ich dieser Heimabende wohl überdrüssig, was als Jungendlicher wohl auch natürlich ist, aber ich denke gerne an diese Heimabende in meiner Kindheit zurück und habe das Beisammensein der Familie immer sehr genossen.

Im Alter von 9 Jahren wurde ich in Wilhelmshaven in einem Schwimmbad getauft. Üblicherweise wird man in der Kirche Jesu Christi im Alter von 8 Jahren getauft, allerdings war damals kein Termin im Schwimmbad zu bekommen, so musste mein Tauftermin etwas verschoben. Gleich nach der Taufe wurde ich dann konfirmiert, was anders ist als bei den Protestanten und Katholiken. An den kirchlichen Feiertagen am Sonntag haben wir als Kinder (meine beiden Brüder Thomas und Klaus, sowie die beiden Langer Brüder und vereinzelt noch Besucherkinder) in der Kirche ein kleines Programm eingeübt, wie Gedichte aufsagen oder eine Darstellung einer christlichen Geschichte, und diese dann auch im Gottesdienst dargeboten.

In den 60er Jahren, als ich ca. 10 Jahre alt war, so um 1968 bin ich und meine Brüder an meine Eltern im Tempel (Zolikofen, Schweiz) gesiegelt worden. Zu der damaligen Zeit gab es in Deutschland noch keinen Tempel, so dass wir in die Schweiz fahren mussten. Diesen Tempelbesuch verbanden wir dann auch gleich mit einem Urlaub in der Schweiz, wo ich das erste mal in der Schweiz war, und auch Bern kennenlernen durfte. Mit meinen Eltern war ich dann drei oder vier mal in der Schweiz zum Urlaub und meine Eltern gingen dann auch in den Tempel. Da wir noch Kinder waren durften wir nur einmal in den Tempel zum Siegeln, ansonsten nicht. Als Jugendlicher war ich zwei mal im schweizer Tempel mit einer Jugendgruppe der Kirche zur Taufe der Toten, da war ich aber schon 15 und 16 Jahre.

Im Alter von 12 Jahren wurde ich zum Diakon im Aronischen Priestertum ordiniert. In der Kirche Jesu Christi gibt es zwei Priestertümer, das Aronische Priestertum Und das Melchisedekische Priestertum. Im Aronischen Priestertum gibt es drei Ordinierungsstufen, Diakon, Lehrer und Priester. In den jeweiligen Ämtern haben die Priestertumsträger dementsprechende Aufgaben zu erfüllen. Wie als Diakon Türdienst, Abendmahl austeilen ect., als Lehrer das Abendmahl segnen und anderes, als Priester taufen und anderes. Selbstverständlich „dürfen“ Priestertumsträger auch kurze Ansprachen halten, und so Sonntags kurze Themen aus den Heiligen Schriften als Predigt vor der Gemeinde halten. Da ich als Kind und Jugendlicher kein guter Redner war, erlebte ich diese Pflicht eher als Qual und ich stotterte mir eher vor der Gemeinde einen ab.

Im Jahre 1972 war ich mit meiner Mutter und meinem älteren Bruder Thomas zur Generalkoferenz in München und durfte live den Präsidenten der Kirche und diverse Ansprachen hören. Allerdings empfand ich diese Ansprachen in der Länge noch ziemlich langweilig, zumal die Plastiksitze in der Qlympiahalle nach längerer Zeit sehr hart waren. Ich erinnere mich noch, wie ich mich beklagte, dass der Präsident Harald B. Lee mit den 12 Aposteln auf roten Ohrensesseln saßen, und wir auf den harten Plastiksitzen. Von den Inhalten dieser Generalkonferenz weiß ich nichts mehr und hat mich in dem Alter auch nicht so interessiert. Aber ich fand es beeindruckend, dass so viele Mitglieder der Kirche Jesu Christi zusammen waren und es war schon ein besonderer Geist in dieser Halle. Mein Bruder Klaus war damals 12 Jahre alt und ist mit meinem Vater zu Hause geblieben. Es war damals für mich auch beeindruckend in so einer großen Stadt wie München gewesen zu sein, wo ich doch aus dem kleinen Provinznest Wilhelmshaven kam.

In den darauf folgenden Jahren war ich auf mehreren Jugendtagungen mit dabei, wie Malente, Braunlage (Harz) und Bornholm. An Bornholm habe ich immer noch die schönsten Erinnerungen. Das schöne an Jugendtagungen, vor allem wenn diese über mehrere Tage gehen, ist der aufbauende, friedliche und zusammenhaltende Geist der dabei vorhanden ist. Für mich am bewegendsten waren die beiden Tempelfahrten, die ich 1973 und 1974 mit erleben durfte. Die Totentaufe wird unter anderem in der Bibel 1. Kor 15:29 begründet, und ich denke bis heute an den Geist zurück, als ich im Tempel im Taufbecken stand, untergetaucht wurde und aus dem Wasser wieder auftauchte, es war einfach ein durch und durch erfülltes und befreites Gefühl. Es war einfach ein schönes Gefühl und verlieh mir ein sehr starkes Bewusstsein, was einzigartig war.

Im Alter von 14 Jahren, 1972 wurde ich zum Lehrer im Aronischen Priestertum ordiniert. In dieser Funktion durfte ich das Abendmahl segnen und weiterhin die Dienste erfüllen, die ein Diakon auch zu erfüllen hat. Wochentags, einmal die Woche hatten wir dann noch ein Treffen von der GFV, das ist für jugendliche Priestertumsträger, wo wir Spiele spielten, wie Tischtennis, Seemannsknoten einübten, Morsezeichen lernten und vieles mehr. Außerdem durchliefen wir das „Seminar“, das ist ein Lehrprogramm für jeweils ein Jahr, wo wir in den Inhallten der Heiligen Schriften unterwiesen wurden. Von diesen Lehrinhalten prfitiere ich bis heute, denn ich kenne mich in den Schriften immer noch recht gut aus. Dabei geht es nicht um ein stumpfes auswendig lernen, sondern um eine echte Auseinandersetzung der Schrifteninhalte, natürlich im Sinne der Kirche Jesu Christi, Protestanten legen die Schriften natürlich auf ihre eigene Art aus.

Mit 16 Jahren wurde ich dann zum Priester im Aronischen Priestertum ordiniert wo ich auch taufen darf, wenn kein Ältester aus dem Melchisedekischen Priestertum gerade zur Verfügung steht, allerdings ist das nur Theorie, denn in aller Regel taufen die Ältesten. Da ich in der Kirche auch viele Ungerechtigkeiten, wie Machtmissbrauch von Priestertumsträgern, im Sinne des Abschnittes 121 LUB, bin ich ab dem 17 Lebensjahr unzufrieden mit dem Leben in der Kirche geworden. Ich habe Druck erlebt, den ich auf Dauer nicht mehr aushielt, und bin so wie es in der Kirche heißt , „vom Glauben abgefallen“. Da ich bei der Berufsfindung damals privat viele Probleme hatte, erlebte ich diesbezüglich auch in der Kirche zusätzlich Druck. In der Kirche Jesu Christi gibt es Priestertumsträger, die meinen sich auch in weltliche Angelegenheiten der Mitglieder einmischen zu können, weil diese ja von Gott besonders gesegnet sind und dafür von Gott bevollmächtigt zu sein. 

Der private- und der Druck in der Kirche nahmen so stark bei mir zu, dass ich leider destruktive Bahnen beschritt. So rutschte ich langsam in eine „Suchtkarriere“ ab, um so diesen immensen Druck nicht mehr zu spüren. Dank meiner Eltern, die immer zu mir hielten, entschloss ich mich 1982 eine lange stationäre Psychotherapie zu durchleben. Diese stationäre Psychotherapie dauerte etwas über 24 Monate und danach wohnte ich in Hannover, wo ich hin und wieder Besuch von den Heimlehrern bekam, mit denen ich aber nichts anfangen konnte, oder die mich nicht erreichen konnten, je nach dem aus welcher Sicht man das Phänomen betrachtet. Auf jeden Fall verdanke ich meinen Eltern und ihre liebe zu mir mein Leben, welche wohl auch daher rührt, dass sie das Bewusstsein haben, dass wir später nach dem Erdenleben im Jenseits zusammen leben werden, denn wir sind aneinander gesiegelt.

An dieser Stelle fällt mir ein, dass ich als Kind mit meinen Brüdern und Eltern auch zwei oder dreimal im Jahr zur Distrikt-Konferenz nach Bremen gefahren bin. Das waren in den 60er und 70er Jahren immer wunderschöne Erlebnisse. Denn wir waren dann den ganzen Tag in Bremen im Gemeindehaus und lernten so viele andere Kinder und Jugendliche aus anderen Städten kennen, woraus sich auch Freundschaften entwickelten. Diese Freundschaften konnten mir leider auch nicht bei meinen Problemen helfen, und diese Kontakte schliefen im Laufe der Zeit leider wieder ein.

Berufsbedingt zog es mich Anfang der 90er Jahre erst in die Pfalz und dann nach Bonn, wo ich nach vielen Jahre wieder die Kirche Jesu Christi besuchte. Gerne denke ich an diese Zeit in dieser Gemeinde zurück, denn ich hatte nach vielen Jahren das Gefühl wieder nach Hause zu kommen. Ich wurde so angenommen wie ich bin, die Menschen waren freundlich, und soviel Herzlichkeit habe ich selten zuvor erlebt, schon gar nicht außerhalb der Kirche Jesu Christi. Von Bonn zog ich nach Köln, wo ich auch eine ausgesprochene Herzlichkeit unter den Mitgliedern der Kirche erlebte. In Köln ging ich regelmäßig jeden Sonntag zur Kirche, ließ mich aber nicht wieder taufen, denn ich war inzwischen evangelisch, da ich als Erzieher und Sozialarbeiter im sozialen Bereich überwiegend nur so eine Chance auf eine Anstellung hatte.

Da ich über den zweiten Bildungsweg neben meiner Tätigkeit als Erzieher mein Fachabitur erlangte, begann ich 1988 in Braunschweig ein Studium des Sozialwesen. In Braunschweig erlebte ich nicht nur in der Stadt einen Kulturschock, sondern auch in der Kirche. Im Gegensatz zum Rheinland, sind die Menschen dort sehr unfreundlich, reserviert, bewertend bis abweisend. Nach drei Jahren mehr oder minder regelmäßigen Kirchenbesuch ging ich ab 2000 dort nicht mehr zur Kirche. Ich spürte wieder den alten Druck, die Bewertungen und fühlte mich nicht angenommen. Ich hatte den Eindruck nur akzeptiert zu werden, wenn ich in diesem Regelwerk meine von außen zugeschrieben Rolle erfülle. Da das nicht sehr viel mit mir zu tun hat, konnte ich diese Rolle natürlich nicht erfüllen. Außerdem erlebte ich, das manche Mitglieder die Einfluss haben, die Lehre der Kirche recht eigenwillig auslegten, was nicht aus meiner Sicht der wahren Lehre entspricht. Außerdem war ich entschlossen, mich nicht mehr solchen Machtmenschen die meinen Priestertumsvollmacht zu besitzen auszusetzen. Einem solchen Druck wollte ich meine Seele nicht mehr aussetzen.

 Im Jahre 2003 zog ich beruflich nach Osnabrück und sah wie fast jeder Stadt wieder einmal die Missionare, mit denen ich dann auch ins Gespräch kam, weil ich diese ansprach. Ja, ich freue mich immer wenn ich die Missionare sehe, denn ich habe mich eine sehr lange Zeit gerne über glauben unterhalten. Außerdem habe ich viele Missionare getroffen, die meine Sichtweise über Religion stehen gelassen haben und zumindest akzeptiert haben. Nach einigen Kontakten mit den Missionaren bin ich dann wieder einmal zur Kirche gegangen und fühlte mich in der Regel in dieser Gemeinde sehr wohl, obwohl ich feststellte, dass ich als lediger Mann dort nicht so viel Akzeptanz erlebte als wenn ich verheiratet wäre. In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, das in der Kirche Jesu Christi bei vielen Mitgliedern es nur noch darum geht, wie ist der Mensch familiär eingebunden, was macht er beruflich und wie ist seine gesellschaftliche Stellung. Mit Christi Lehre hat diese Gesinnung aus meiner Sicht nur sehr wenig zu tun. In Osnabrück traf ich auch Mitglieder die ich von früher her kannte, die sich aber sehr schlecht über andere Menschen ausließen. Sicher, das findet man in jeder Kirche. Aber die Mitglieder der Kirche Jesu Christi meinen häufig, mit ihrer Mitgliedschaft in der Kirche haben sie schon eine Eintrittskarte ins Himmelreich.

Da ich inzwischen aus gesundheitlichen Gründen arbeitsunfähig wurde und musste leider berentet werden. Mit diesem gesellschaftlichen Status, hat man es aus meiner Sicht bei der Kirche Jesu Christi sehr schwer, was in mir das Gefühl auslöste in dieser Kirche nicht willkommen zu sein. Im Jahre 2007 zog ich wieder nach Hannover und machte in Hannover ähnliche Erfahrungen wie in Braunschweig und Osnabrück. Allerdings traf ich in Hannover Mitglieder der Kirche, die ich aus meiner Kindheit und Jugend her kenne und mich mit diesen irgendwie verbunden fühle. Allerdings spielt in diesen Begegnungen auch eine gewisse Art der Enttäuschung mit hinein, da ich auch diese Mitglieder im Grunde sehr abgegrenzt erlebte und ich hatte das Gefühl, ich dringe in eine art geschlossene Gesellschaft ein.

Obwohl ich mit Sicherheit zu Erdenzeiten kein Mitglied dieser Kirche mehr sein werde, weil ich diese Machtstrukturen in dieser Gemeinschaft nicht aushalte, und weil ich so manche Auslegung von Christi Lehre nicht teile, so glaube ich doch immer noch zum größten Teil an diese Lehre. Außerdem habe ich viele Glaubensinhalte einfach in meiner Kindheit so aufgesaugt, dass diese zu meinem Weltbild gehört. Man mag es Indoktrination nennen, ich nenne es Überzeugung. Eines weiß ich gewiß, es gibt ein Jenseits, in dem ich mit meinen Eltern und meinen Brüdern zusammenleben werde, und mit den Menschen, die mich mögen und meine Gefühle teilen. Außerdem glaube ich auch an die Begebenheit im prähistorischen Reich, wo bereits festgelegt wurde das wir auf die Erde kommen und wer unsere Eltern und Geschwister sind, da wir Geistesverwandt sind, auch wenn sich das auf Erden nicht immer so anfühlt.  

Auch wenn ich seit einigen Jahren evangelisch – lutherisch bin, so empfinde ich mehr Verbundenheit zur Lehre der Kirche Jesu Christi als zur evangelischen Kirche. Auch sind mir die Mitglieder der evangelischen Kirche noch weltlicher als die der Kirche Jesu Christi. Vieles was in der Kirche Jesu Christi gelehrt wird, mit dem bin ich nicht einverstanden, aber das was in der evangelischen Kirche oder andern gelehrt wird, ist mir noch viel fremder. Ich teile nicht den Groll mancher EX-Mitglieder auf die Kirche Jesu Christi, auch wenn ich viele Wunden aus dieser Zeit mit mir herum trage. So weiß ich doch, dass jeder Mensch für seine Handlungen, Nichthandlungen und seine Geisteshaltung seine gerechte Konsequenz tragen wird und dementsprechend in der Nähe Gottes leben wird. Jeder soweit, wie er/sie die Nähe Gottes seinem/seiner Geisteszustand ertragen kann.