Definition von Armut

Wenn man die wissenschaftliche Literatur durchforstet, dann finden sich nicht alle gängigen Armutsdefinitionen wieder, die in den letzten Jahrzehnten definiert wurden. In den meisten Büchern werden mal gerade 2 – 3 Armutsdefinitionen genannt, und teilweise auch noch mit unterschiedlicher Begriffsbestimmung. Diese Verwirrung die dadurch entstehen kann, möchte ich hier versuchen ein wenig zu klären. In den letzten Jahrzehnten wurde in der Armutsforschung von sieben nennenswerten Definitionen gesprochen. Das ist die absolute Armut, die relative Armut, die subjektive Armut, das Lebenslagenkonzept der Armut, Armut als Deprivation, Armut als Subkultur und Armut als Sozialhilfebezug (Grundsicherung). 

Absolute Armut: Die begriffliche Bestimmung der “absoluten Armut” bezeichnet Armut als existentielle Notlage. Darunter wird verstanden, dass das physische Existenzminimum nicht als gesichert gilt. Hier werden alle Menschen als “arm” zu betrachten, die längerfristig ihre körperliche Selbsterhaltung nicht eigenständig sichern können. Als Existenzminimum gilt Nahrung, Kleidung, Obdach und damit verbundene Gesundheit. Als Begründer dieser Armutsdefinition gelten Charles Booth und Seebohm B. Rowntree, die um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhundert (1900) die ersten systematischen Untersuchungen über Lebensbedingungen der in Armut lebenden Menschen lieferten.

Relative Armut: Da es in der Sozialwissenschaft keine eindeutige Definition von Armut gibt, kristallisierte sich der Begriff der “relativen Armut” heraus. Unter relativer Armut wird ein Mangel an Mitteln zur Sicherung des Lebensbedarfs in Bezug auf den sozialen und kulturell geltenden Lebensstandard einer Gesellschaft verstanden. Dabei wird der jeweilige Standard normativ bestimmt und ein Unterschreiten als Armutsgrenze definiert, welches dann als sozio-kulturelles Existenzminimum betrachtet wird. Durch das Ausmaß der Ungleichheit und der damit einhergehenden Deprivation lässt sich der Begriff Armut erst bestimmen.

Im Laufe der Jahre hat sich die Definition der relativen Armut am Einkommen der Bevölkeung in einer Gesellschaft festgemacht. Um den Einkommensmindestbedarf im Rahmen des Konzeptes der relativen Einkommensarmut zu bestimmen, muss an bestimmten Stellen die Einkommensverteilung festgestellt werden. In der Armutsforschung wird die Armutsgrenze hier mit 40, 50, oder 60% des Durchschnittseinkommens in Deutschland festgelegt. Die 40% Einkommensschwelle wird als strenge Armut bezeichnet, diese Armutsschwelle entspricht dem Sozialhilfesatz (Grundsicherung). Die 50% Armutsgrenze wird in der Sozialwissenschaft am häufigsten verwendet, sie bezeichnet das durchschnittliche Nettohaushaltseinkommen. Die 60% Schwelle bezeichnet den Wert des Niedrigeinkommens.

Beim durchschnitllichen Nettohaushaltseinkommen muss allerdings berücksichtigt werden, dass beim gemeinsamen Wirtschaften in einem Haushalt Einsparungen vorgenommen werden können. das bedeutet, dass ein Mehrpersonenhaushalt kostengünstiger wirtschaften kann, als im Vergleich ein Einpersonenhaushalt. Außerdem wird Kindern ein geringerer Bedarf unterstellt als er Erwachsenen zugestanden wird. In der Fachliteratur wird das Ergebnis dieser Umrechnung als “äquivalenzgewichtetes Nettoeinkommen bzw. Nettoäquivalenzeinkommen” bezeichnet.

Subjektive Armut: In der wissenschaftlichen Literatur gibt es keine eindeutige Definition zum Begriff “subjektive Armut”. Manche verstehen unter “subjektiver Armutein subjektives Gefühl des Mangels und der Entbehrung, wobei dieser Personenkreis diese Definition dem Deprivationskonzept zuordnen. Andere hingegen ordnen die Definition “subjektive Armut” der relativen Armut zu und meinen, dass Armut nicht nur als objektive Tatsache der äußerlich leicht erkennbaren Entbehrungen zu betrachten sei, sondern Armut auch als subjektive Erscheinung zu betrachten ist, im Sinne des Gefühls des Mangels an mitteln der Bedürfnisbefriedigung. Dabei muss diese Empfindung der Realität allerdings nicht unbedingt entsprechen.

Das Lebenslagenkonzept der Armut: Hier unterscheidet man Aspekte der Lebenslage in Versorgungs- und Einkommensspielraum, Muße- und Regenerationsspielraum und der Dispositions- und Partizipationsspielraum. Man geht davon aus, dass die Handlungsspielräume der Menschen durch die angegebenen sozialen Strukturen bestimmt werden. Manche Wissenschaftler bemühen sich einer genaueren Differenzierung der Armut und bedienen sich des Lebenslagenbegriffs, um die hauptsächlich an ökonomischen Ressourcen orientierte Betrachtungsweise der Armut zu überwinden und so zu einer Sicht der Unterversorgung und Benachteiligung zu kommen. In diesem Sinne ist Armut auch als Komplex von multipler sozialer Deprivation anzusehen.

Armut als Deprivation: In der Fachliteratur stößt man auf Begriffe wie “relative Deprivation”, “subjektive Deprivation”, “objektive Deprivation”, “normative Deprivation”, “Gruppendeprivation”, “ökonomische Deprivation” und die “multiple Deprivation”. Als bekanntester Vertreter dieses Ansatzes der Armutsdefinition gilt Peter Townsend. Townsends Konzept ist aus der Sicht der “relativen Armut” zu betrachten, wobei er bemüht ist, die objektiv feststellbaren Ungleichheiten auch subjektiv wahrzunehmen. Um die Deprivation innerhalb einer Gesellschaft festzustellen, konzipiert er eine Liste von 60 Indikatoren die sich auf 12 Lebensbereiche erstrecken. Zu diesen Lebensbereichen zählt er Ernährung, Kleidung, Heizung und Beleuchtung, Komfort der Wohnung sowie Einrichtung, unmittelbare Umgebung der Wohnung, Eigentümlichkeit und die soziale Absicherung der Arbeit, Unterhalt der Familie, Erholung, Bildung, Gesundheit und soziale Beziehungen. Als Fazit stellt Townsend fest, dass eine deutliche Beziehung zwischen abnehmendem Einkommen und zunehmender Deprivation festzustellen ist.

Armut als Subkultur: Das Subkulturkonzept der Armut hat in der heutigen Armutsforschung an Bedeutung verloren, da Armut heute als gesellschaftlich begründet angesehen wird und nicht mehr als individuell verschuldet.

Das Konzept der Subkultur der Armut ist ein Begriff der das Handeln von Armen als abweichendes Verhalten in den Fokus stellt. Der Zusammenhang von Armut und abweichendes Verhalten galt allerdings von Beginn an als umstritten. Oskar Levis begründete dieses Konzept gegen Ende der 50er Jahre in den USA. Levis betrachtete insbesondere den Lebensstil einer Teilgruppe der Armen, die in den Slums lebten. Lewis stellte fest, das dieser Lebensstil den Armen die Möglichkeit bot sich der marginalen Lebenssituation anzupassen. Zugleich verfestigten sich bei den Armen Werthaltungen und Einstellungen, die sie daran hinderte das Randdasein zu überwinden. Lewis stellte unter anderem die These auf, dass sich Armut in einer Subkultur als stabile und beständige Lebensform verfestige und in den Familien von Generation zu Generation vererbt wird.

Armut als Sozialhilfebezug (Grundsicherung): In der Fachdiskussion wird häufig als inoffizielle Armutsgrenze die Sozialhilfeschwelle (Grundsicherungsbezug) genannt. In diesem Sinne gilt eine Person oder ein Haushalt als Arm, wenn dieser ein geringeres Einkommen aufweist als den Bezug von Grundsicherung, der als Existenzminimum betrachtet wird. Allerdings ist diese Armutsgrenze unter Experten sehr umstritten.

(Quelle: Michael Drews; “Dynamische Armutsforschung – Ansatz, Ergebnisse, Kritik”, 2001, Diplomarbeit Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel)