Angst als Prinzip

In modernen Gesellschaften ist Angst ein Thema, das alle angeht. Angst kennt keine sozialen Grenzen: Der Hochfrequenzhändler vor dem Bildschirm gerät genauso in Angstzustände wie der Paketzusteller auf der Rücktour zur Sammelstelle; die Anästhesistin beim Abholen ihrer Kinder aus dem Kindergarten genauso wie das Model beim Blick in den Spiegel. Auch von der Sache her sind die Ängste zahllos: Schulängste, Höhenängste, Verarmungsängste, Herzängste, Terrorängste, Abstiegsängste, Bindungsängste, Inflationsängste. Schließlich kann man in jede Richtung der Zeit Ängste entwickeln. Man kann Ängste vor der Zukunft haben, weil bisher alles so gut geklappt hat; man kann jetzt im Moment Angst vor dem nächsten Schritt haben, weil die Entscheidung für die eine immer auch eine Entscheidung gegen eine andere Variante darstellt; man kann sogar Angst vor der Vergangenheit haben, weil etwas von einem herauskommen könnte, worüber längst Gras gewachsen ist.

Man kann aber niemandem davon überzeugen, dass seine Ängste unbegründet sind. Ängste lassen sich in Unterhaltungen darüber höchstens binden und zerstreuen. Voraussetzung dafür ist freilich, dass man Ängste seines Gegenübers akzeptiert und nicht bestreitet. Man kennt das aus der therapeutischen Situationen. Die Erkenntnis der eigenen Angstanteile kann einen offener und beweglicher machen, sodass man nicht gleich mit Abwehr und Zurückweisung reagieren muss, wenn irgendwo Angst im Spiel ist.

Freie Menschen sollen keine Angst vor der Angst haben, weil das ihre Selbstbestimmung kosten kann. Wer von Angst getrieben ist, vermeidet das Unangenehme, verleugnet das Wirkliche und verpasst das Mögliche. Angst macht die Menschen abhängig von Verführern, Betreuern und Spielern. Angst führt zur Tyrannei der Mehrheit, weil alle mit den Wölfen heulen, sie ermöglicht das Spiel mit der schweigenden masse, weil niemand seine Stimme erhebt, und sie kann panische Verwirrung der gesamten Gesellschaft mit sich bringen, wenn der Funke überspringt. Deshalb, so sollte man Roosevelt verstehen, ist es die erste und vornehmste Aufgabe staatlicher Politik, den Bürgern die Angst zu nehmen.

Man kann die gesamte Entwicklung des Wohlfahrtsstaats in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als Antwort auf Roosevelts Aufforderung begreifen. Die Beseitigung der Angst vor Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit und Altersarmut soll den Hintergrund für eine selbstbewusste Bürgerschaft auch und gerade der abhängig Beschäftigten bilden, damit sie sich in Freiheit selbst organisieren, um ihren Interessen Ausdruck zu verschaffen, damit sie sich die Freiheit nehmen, ihr Leben nach selbst gewählten Prinzipien und Präferenzen zu führen, damit sie im Zweifelsfall im Bewusstsein ihrer Freiheit den Mächtigen die Stirn bieten. Mit Franz Xaver Kaufmann könnte man sagen: „Mit der Politik der Angst entsteht Sicherheit als soziologisches und sozialpolitisches Problem“. 

Wer abstürzt, soll aufgefangen werden, wer nicht mehr weiter weiß, soll beraten und unterstützt werden, wer von Hause aus benachteiligt ist, soll einen Ausgleich erfahren. Deshalb schreibt sich der Wohlfahrtsstaat von heute die Qualifikation von Niedrigqualifizierten, die Beratung von überschuldeten Personen und Haushalten und die kompensatorische Erziehung von Kindern aus unterprivilegierten Familien auf die Fahnen. Es geht nämlich nicht allein um die Bekämpfung von Armut, sozialer Ausgrenzung und systemischer gesellschaftlicher Benachteiligung, sondern um die Bekämpfung der angst davor, ausrangiert, entrechtet und diskriminiert zu werden.

(Vgl. Heinz Bude: „Gesellschaft der Angst“, Bundeszentrale für politische Bildung 2015)